Ökosystem Streuobstwiese - Warum der Apfel keine Lobby hat

Um den Erhalt und die Wirtschaftlichkeit der regionalen Streuobstwiesen zu fördern, wurde 2007 in Heilbronn der „Verein Bio Streuobst Initiative Neckar e.V.“, kurz BioSIN, gegründet. Schwierige ökonomische Rahmenbedingungen, Strukturveränderungen in der Landwirtschaft und die Bebauung ehemals landwirtschaftlicher Flächen haben dazu geführt, daß sich die Zahl der Streuobstbäume in den letzten 50 Jahren von fast 18.000.000 auf gerade einmal die Hälfte reduziert hat. Grund ist, unter anderem, daß regionale Früchte wie der Apfel bei uns keine Lobby haben, so Jürgen Gunkel, Fruchtsafthersteller und Mitinitiator von BioSIN.

 

Es ist schon so eine Sache mit den Streuobstwiesen. Vor einigen Jahren war ich stolzer Pächter einer Wiese, auf der 40 Apfelbäume standen. Als ich die heruntergefallenen Äpfel mühevoll aufgesammelt und mit einem großen Anhänger zur Abnahmestelle für Streuobst gebracht habe, wurden mir als „Bezahlung“ 10 Flaschen Apfelsaft angeboten. Wie bitte? 10 Flaschen Saft für eine halbe Tonne Äpfel? Für einen ganzen Tag Arbeit? Für einen gemieteten Anhänger, 40 km Fahrt, Benzin, etc...
„Da genau liegt das Problem“, so Jürgen Gunkel. „Wirtschaftlich gesehen, lohnt es sich nicht, eine Streuobstwiese zu pflegen. Deshalb geht die Zahl der Streuobstbäume auch zurück, und die noch vorhandenen sind in einem oft stark vernachlässigten Zustand.“
Was sehr schade ist, sind Streuobstwiesen doch wahre Biotope, in denen bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten leben. Unter anderem viele Vögel, Fledermäuse und Insekten. Wind-, Boden-, Erosions- und Wasserschutz sind weitere wichtige Funktionen. Für Jürgen Gunkel sind Streuobstwiesen zudem Lebensqualität. „Sie dienen vielen Menschen als Ort der Erholung. Und sie können den Stadtkindern die Natur wieder näher bringen. Wir führen seit 2009 Apfel-Sammelaktionen mit Schülern mehrerer Heilbronner Schulen durch. Die Stadt besitzt eigene Streuobstflächen. Der Erlös der Aktionen geht an den Förderverein der Schulen. Das Wichtigste ist, daß die Kinder früh auf die Natur und die Bedeutung der Pflanzen und Bäume aufmerksam gemacht werden. Nur so kann deren Überleben gesichert werden. Unsere heimischen Streuobstwiesen weisen ein enormes Genreservoir mit rund 3000 Obstsorten auf. Mit BioSIN möchten wir Bewußtseinsbildung betreiben, um diese ökologische Vielfalt zu bewahren.“


Die Streuobstwiese 

Unsere Streuobstwiesen sind die historische Form des Erwerbsobstbaus und ermöglichten einst vielen Menschen, das kärgliche Nahrungsangebot mit selbsterzeugtem Obst zu ergänzen. Der Baumbestand setzt sich hauptsächlich aus Apfelbäumen sowie aus Birnen-, Kirschen-, Zwetschgen- und Walnußbäumen zusammen.

In Deutschland werden heute jährlich ca. 500 Millionen Liter Apfelsaft produziert, die Hälfte davon durch das Obst der Streuobstwiesenbesitzer und der Obstbauern aus Baden-Württemberg. Der Apfelsaft ist also ein landestypisches Naturprodukt dieser Region, ein echtes Kulturgut.   
„Obwohl das so ist“, so Jürgen Gunkel, „sind die Menschen hierzulande noch nicht bereit, für die Qualität einheimischer Früchte wie den Apfel einen gerechtfertigten Preis zu bezahlen. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht daran, daß der Apfel allgegenwärtig ist. Was man ständig um sich hat, schätzt man irgendwann nicht mehr. Für einen Energy-Drink, der in der Hauptsache aus Wasser und Zucker besteht, werden zwischen 4.- und 7.- Euro pro Liter erzielt. Der Apfelsaft soll, wenn möglich, unter 1.- Euro kosten. Auch in den Restaurants hat der Apfelsaft keine Lobby. In den Speisekarten werden teure Mineralwässer namentlich angepriesen. Wenn es um Apfelsaft geht, wird der Hersteller noch nicht einmal genannt. Auch nicht, wenn es sich um hochwertigste Biosäfte handelt.“

BioSIN

Die Firma Gunkel stellt seit über 60 Jahren in Heilbronn Fruchtsäfte her. Viele Säfte haben heute Bio-Qualität. Aus ökologischer Überzeugung und der besseren Vermarktungsfähigkeit wegen, haben sich die Gründungsmitglieder von BioSIN entschlossen, vor allem den biologischen Obstanbau zu fördern. Wer dem Verein beitreten will, kann seine Streuobstwiesen bio-zertifizieren lassen und erhält für das geerntete Obst einen festgesetzten Betrag. Dieser wird durch einen Zuschuß der Gunkel GmbH gesponsert. Für die Zertifizierung kooperiert BioSIN mit der Kontrollstelle AGRECO in Witzenhausen-Gertenbach. AGRECO entscheidet nach Besichtigung der Streuobstwiese in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe, ob diese den Bestimmungen der EU Öko-Verordnung entspricht. So wird der ökologische Gedanke in die Welt hinausgetragen und gleichzeitig der wirtschaftliche Aspekt mit einbezogen.
BioSIN hat inzwischen 69 Mitglieder und bewirtschaftet ca. 24 Hektar „Bio-Streuobstwiesen“. Aufgenommen werden derzeit private Streuobstwiesenbesitzer mit einem Apfelbaumbestand von mindestens 15 Bäumen pro Grundstück.
 

Der Apfel

Hier soll noch einmal eine Lanze gebrochen werden für eine Frucht, die – so Jürgen Gunkel – „hierzulande keine Lobby hat: den Apfel. Der Apfel ist ein der gesündesten Früchte überhaupt. Nicht umsonst heißt es: `One apple a day keeps the doctor away.´ Der flüssige Apfel wiederum, also der Apfelsaft, und hier ganz besonders die naturtrüben Säfte aus klassischen Obstsorten wie Bittenfelder, Brettacher, Bohnapfel, Boskop, Gewürzluiken, Öhringer Blutstreiflinge oder Zabergäurenette enthalten eine Vielzahl bioaktiver Stoffe bzw. sekundärer Pflanzenstoffe. Diese haben nachweislich gesundheitsfördernde Wirkungen. Sie senken das Krebsrisiko, binden freie Radikale, schützen vor Infektionen und steigern die Abwehrkräfte. Auch andere Fruchtsäfte enthalten diese lebenswichtigen Stoffe, je naturbelassener, desto mehr. Die Streuobstwiese ist so eine Art Naturapotheke. Und der Apfel ist, was die Ernährungsqualität angeht, eines der vielen Wunder der Natur.“
Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird jedoch häufig vergessen, vor allem bei jungen Menschen. Dort „ernährt“ man sich mit einem Mix aus Wasser, Zucker und Koffein und hofft, daß einem Flügel wachsen… Werbung macht´s möglich!
Es bleibt daher zu hoffen, daß die „Bio Streuobst Initiative Neckar“ regionale Früchte wie den Apfel wieder ins Gesichtsfeld der Menschen rücken kann, um ihm die Ehre zurückzugeben, die ihm gebührt: als natürliche Energiequelle, die zudem erschwinglich und ständig verfügbar ist. Das Gute liegt meist sehr viel näher, als uns die Werbung glauben machen möchte.

 

Ausgabe Sommer 2011 - MIchael Hoppe

 

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