Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft – Hohenlohe ist Baden-Württembergs große Genießerregion

Im Oktober 2015 fand in Schwäbisch Hall erstmals der mehrtägige „Genußgipfel“ statt, der vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg regelmäßig ausgerufen wird. Und das aus gutem Grund! Denn die Region zwischen den Flußtälern Kocher und Jagst glänzt nicht nur durch die Anzahl an heimlichen Weltmarktführern aus dem Maschinenbau - auch die hohe Dichte an Biobauern und Demeterhöfen ist im Bundesgebiet einzigartig. Der NATURSCHECK stellt einige Bioerzeuger und Gastronomie-Betriebe vor, die dem Ruf Hohenlohes als nachhaltige Genießerregion jeden Tag aufs Neue „frische Nahrung“ geben.

Bei allem Respekt für die vielen Vegetarier im Land, der Star unter den Hohenloher „Genußlieferanten“ ist ein Schwein. Wie der Phönix aus der Asche erhob sich das „Schwäbisch Hällische Landschwein“ vor einigen Jahren und trat einen wahren Siegeszug an. Die von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall wiedererweckte Schweinerasse ist inzwischen aus der süddeutschen Landwirtschaftsszene kaum noch wegzudenken. Eng verknüpft ist dieser Erfolg mit dem Lebensweg von Rudolf Bühler. Als der Agraringenieur zu Beginn der 1980er Jahre nach mehreren Jahren Entwicklungshilfe in Asien zu seinen Hohenloher Wurzeln zurückkehrte, existierten nur noch einige wenige „Mohrenköpfle“ – so werden die Schwäbisch-Hällischen Landschweine aufgrund ihres dunklen Köpfchens liebevoll genannt. Rudolf Bühler gelang es jedoch, mit Hilfe vieler nachhaltig agierender Hohenloher Bauern, die alte Zuchtrasse vor dem Aussterben zu retten.


Hohenloher Ökopioniere


Längst ist das Premiumfleisch der „Hällischen Sau“ mit seinem kernig-nussigen Aroma zum Verkaufsgaranten der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) geworden, die Rudolf Bühler im Jahr 1988 zusammen mit anderen Hohenloher Landwirten aufbaute – also zu einer Zeit, in welcher der heutige Ökotrend noch nicht abzusehen war. Das Schwäbisch-Hällische Landschwein erobert immer öfter auch die gehobene Gastronomie. So findet sich unter anderem das Rückensteak vom Schwäbisch Hällischen Landschwein auf der Speisekarte des Bio-Hotels Rappenhof in Weinsberg wieder. Ebenfalls gerne bestellt wird der Strudel vom Schwäbisch-Hällischen Schwein mit Senfsaatsoße in der Jagstmühle in Mulfingen-Heimhausen.
Bei der Aufzucht des Schwäbisch-Hällischen Landschweins achtet die Erzeugergemeinschaft auf artgerechte Tierhaltung und gentechnikfreies Futter. Der nachhaltige Ansatz der BESH sieht inzwischen auch den Verzicht auf Soja-Importe aus Brasilien vor – durch eine Kooperation mit der Raiffeisengenossenschaft Eppingen landen nur noch regional erzeugte Sojabohnen aus dem Kraichgau in den Futternäpfen.

Die qualitative Meßlatte liegt auch bei den Züchtern hoch, die auf ihren Wiesen das „Limpurger Weiderind“ halten. In früheren Zeiten wurden die Weiderinder aus der Hohenloher Heimat bis nach Frankreich getrieben. Dann geriet das Weiderind mit historischen Wurzeln im Limpurger Land bei Gaildorf etwas in Vergessenheit. Mittlerweile ist das zarte Fleisch vom traditionellen „Limpurger Ochsen“ wieder sehr beliebt. Auch die Hofmetzgerei Hack auf dem Lindelberg bei Windischenbach läßt sämtliche Geschmacksverstärker weg und paart die hohe Qualität des Hohenloher Weiderinds mit Meersalz und Biogewürzen.


Regionales Feinkostmekka


Der leidenschaftliche Landwirt und Visionär Rudolf Bühler führte mit seinen Kollegen mehrere Verkaufsstellen für Premiumfleisch und andere regionale Erzeugnisse der BESH ein. Das Ziel der Haller und Hohenloher Bauern: weg von der industriellen Massentierhaltung und der konventionellen Lebensmittelerzeugung hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft mit fairer Entlohnung für die Mitgliederbetriebe.

Die geballte Geschmacksvielfalt liefert zweifelsohne der Regionalmarkt in Wolpertshausen. Rund 4.000 Produkte aus der heimischen Region umspannt das Angebot des Regionalmarkts, der sich zum  Schauplatz der Genießerregion Hohenlohe entwickelt hat. Neben Fleisch vom Hohenloher Weiderind und vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein gibt es hier auch Bioziegenprodukte vom „Zick de Hohenlohe“ oder Spezialitäten vom Hohenloher Weidelamm, das bei der EU als regionale Marke eingetragen ist.
Dazu führt der Regionalmarkt eine riesige Auswahl an Bio-Gewürzen, Bio-Honig & -Marmelade, Bio-Getreide, Bio-Backwaren, Bio-Eiern sowie Bio-Obst und -Gemüse von Hohenloher Bauernhöfen. Da der Weinanbau im Kochertal eine rund 1.000-jährige Tradition besitzt, ergänzen logischerweise ebenso ausgesuchte Weine von Hohenloher Winzern das Warensortiment.


Holunderzauberer und Biokenner

Auf den Streuobstwiesen  oberhalb der Flüsse Bühler, Jagst, Kocher, Kupfer und Ohrn sowie den fruchtbaren Böden auf der Hohenloher Ebene gedeihen regionale Obstsorten wie Brettacher Apfel, Kirchensaller Mostbirne, Geddelsbacher Mostbirne oder Öhringer Blutstreifling. Die Obstvielfalt spiegelt sich im Regionalmarkt Wolpertshausen in einer abwechslungsreichen Palette an Biosäften und Spirituosen wider. In den Marktregalen stehen beispielsweise die „Hohenloher Schaumweine“ von Hans-Jörg Wilhelm in herausragender Qualität. Sein Quitten-Secco und der Quitten-Schaumwein haben ihn zu einem der größten Quittenverarbeiter der Region werden lassen. In seinem eigenen Hofladen in Langenburg-Unterregenbach verbindet der Selbstvermarkter edlen Trinkgenuß mit historischen Führungen durch die alte Krypta in der Ortsmitte.
Ebenfalls im Regionalmarkt in Wolpertshausen erhältlich ist der Blütensekt von Bernulf Schlauch aus Langenburg-Bächlingen. Schlauchs „Holunderzauber“ ist mittlerweile mehr als nur ein Geheimtipp. Zur Blütezeit des „Hollerbaums“ im späten Frühling ist der Blütensektproduzent im Dauereinsatz. „Zwischen Öhringen, Schwäbisch Hall, Crailsheim und Rothenburg im Taubertal klappere ich dann fast jeden Holunderbaum ab“, erzählt Bernulf Schlauch, der neben Holunder-, Rosen- und Akaziensekt auch Holunderlimonade anbietet.

Regelmäßig organisiert der Landwirt und Journalist als Mitglied der Slow Food-Initiative auch Genießertouren durch das Hohenloher Land. Die Termine für die Slowfood-Genießertouren gibt Bernulf Schlauch stets kurzfristig auf der Slowfood-Website bekannt.
„Unsere Slowfood-Regionalgruppe Hohenlohe-Tauber-Main-Franken möchte zu einem bewußten Konsum anregen und gute Nahrungsmittel vorstellen“, so Bernulf Schlauch. Zu häufig greife der Mensch noch zu industriell gefertigten Lebensmitteln. „Zum Glück gibt es in Hohenlohe eine größere Anzahl an Biohöfen, die auf nachhaltige Weise produzieren oder Restaurants, die auf regionale Produkte schwören“, erläutert Bernulf Schlauch, der den regionalen Stärkungsansatz der BESH als wichtigen Impuls gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP sieht, welches die Nischenproduktion auch für Hohenloher Erzeuger schwieriger machen könnte.

Eines dieser Nischenprodukte ist zum Beispiel der „Hohenloher Landgockel“ vom Brunnenhof aus Künzelsau-Mäusdorf. Der familiengeführte Bio-Geflügelbetrieb bietet exklusiv in Hohenlohe auf der hofeigenen EU-zertifizierten Geflügel-Schlachterei seit November 2014 auch Bio-Enten und Bio-Gänse an. Bernulf Schlauch ist regelmäßig in Mäusdorf zu Gast.

Neben Bernulf Schlauch sind weitere „Genußbotschafter“ im Hohenloher Land unterwegs. So besucht auch Eberhard „Hardy“ Mann im Auftrag der BESH mit Tagesgruppen den Regionalmarkt in Wolpertshausen oder die Weidegründe des Schwäbisch-Hällischen Landschweins. „Beliebt bei den Besuchern sind ebenfalls Abstecher zur Dorfkäserei in Bühlerzell-Geifertshofen“, weiß Hardy Mann. 


Gesunde Milchprodukte

Lehrreich und genußreich fällt auch eine Stippvisite zur Molkerei in Schrozberg aus. Dort lautet das Motto: „Unsere Hörner bleiben dran“. Wenn es um die Qualität ihrer Produkte und das Wohl ihrer Kühe geht, können die Schrozberger stur sein: für nach Demeter-Richtlinien produzierende Milchbauern ist das Enthornen der Kühe nicht erlaubt. Der mittelständische Molkereibetrieb am Rande des Landkreises Schwäbisch Hall vor den Toren Rothenburgs produziert mittlerweile das weltweit größte Demeter-Sortiment im Bereich weißer Frische. Während die Mehrzahl der Betriebe im konventionellen Bereich ihr Heil in immer stärkeren Wachstum, Konzentration  und  Massenproduktion sucht, geht die Molkerei Schrozberg einen ganz anderen Weg: Überschaubare Strukturen erlauben auch die Produktion von kleinen, feinen und qualitativ höchstwertigen Demeter-Lebensmitteln.

Leidenschaftlich plädiert Geschäftsführer Friedemann Vogt im Gespräch mit dem NATURSCHECK dafür, daß ein Lebensmittel vor und nach der Verarbeitung einen möglichst hohen Wert für die menschliche Ernährung aufweisen muß. Als einziger Molkereibetrieb beliefert er bundesweit den Naturkostfachhandel mit vielen noch inhabergeführten Geschäften und hält sich von den großen Ketten fern. „Schließlich sind wir miteinander groß geworden und vor noch gar nicht zu langer Zeit als grüne Spinner abgetan worden. Und der Fachhandel braucht hochwertige Produkte, die es eben beim Discounter nicht gibt“, so Friedemann Vogt.
Der langfristige bzw. nachhaltige Ansatz ist voll aufgegangen. In 14 Jahren hat sich die verarbeitete Milchmenge verdoppelt. Und kontinuierlich steigt die Anzahl Schrozberger Milchbauern, die umstellen auf Demeter und ihre Milch von der Molkerei Schrozberg verarbeiten lassen. Die Bewahrung der regionalen Vielfalt ist ein Markenzeichen des Betriebs und Garant für zahlreiche Preise: Erst kürzlich wurde die Molkerei mit dem regionalen Bio-Siegel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.


Bioakteure im Bühler- und Kochertal

Das Bio-Restaurant Rose von Jürgen und Adelheid Andruschkewitsch in Vellberg-Eschenau reiht sich ebenfalls nahtlos in die lange Liste an Ökopionieren aus dem Hohenloher Land ein. Neben einer sehr guten regionalen Küche mit Demeter- und Bioprodukten serviert das Ehepaar seinen Gästen gerne auch Selbstgemachtes von den eigenen Streuobstwiesen aus dem Bühlertal – zum Beispiel einen Jakob-Fischer-Apfelbrand oder das „obligatorische“ Zwetschgenwässerle. Auch Essen für Allergiker hat man im Programm. Für sein beispielhaftes Engagement gegen Lebensmittelverschwendung wurde das Restaurant Rose auch in das Forschungsprojekt „Genießt uns“ aufgenommen und im Oktober 2015 mit dem „genießt uns!-Award“ ausgezeichnet. Der Lebensmittelcheck, der durch die FH Münster wissenschaftlich begleitet wird, untersucht Maßnahmen zur Reduzierung von Abfällen.

Viele Landwirte aus Hohenlohe sind/waren der Zeit weit voraus. Schon vor 20 Jahren stellte beispielsweise auch Matthias Maas aus Michelbach/Bilz den Hof seiner Eltern auf Biowirtschaft um. Der Milchbauer setzt seit geraumer Zeit auf Direktvermarktung und läßt die früher weit verbreitete Tradition des Milchmanns wieder aufleben. „Wir melken die Kühe am Morgen und pasteurisieren die Milch gleich hier bei uns, bevor unsere Fahrer die Milch am Nachmittag an unsere Kunden ausliefern“, erklärt Matthias Maas. Der Biohof der Familie Maas ist einer der wenigen landwirtschaftlichen Betriebe, die in Michelbach heute noch übrig geblieben sind. Neben Biomilch bietet Matthias Maas auch Bioapfelsaft von den eigenen Streuobstwiesen.

Jahreskalender voller Genüsse

Die Geschmacksvielfalt, die die Region Hohenlohe bietet, wird aber nicht nur durch das Essen im Restaurant oder beim Einkaufen in den zahlreichen Hofläden, Raiffeisen-Märkten oder Wochen- und Biomärkten deutlich. Wer ein waschechter Hohenloher ist, der schafft nicht nur gerne und viel: er weiß auch, wie gefeiert wird! In Wackershofen servieren Landfrauen gerne die verschiedensten Varianten vom „Hohenloher Blootz“  – dazu paßt dann oft ein Most von heimischen Apfel- und Birnensorten. Vor allem im Herbst gibt es zahlreiche Blooz- und Mostfeste in den Dörfern an Kocher und Jagst.
In der Goldenen Jahreszeit haben dann auch wieder die Besenwirtschaften geöffnet und bieten zum Weinschorle aus dem Kochertal herzhafte und einfache Gerichte an. Wer im Frühling durch das Jagsttal streift, sollte als Geheimtipp mal eine Jagsttalwiesen-Bratwurst probieren, die mit frischen Kräutern aus dem Jagsttal wie dem „Hohenloher Lavendel“ gewürzt ist. Im Frühjahr sind dann auch wieder die Bärlauchsammler aktiv – die Wegränder an den Flüssen Hohenlohes gleichen dann einem grünweißen Farbenmeer.
Für Genießer und Hobbyküche empfiehlt sich außerdem ein Blick ins Buchregal – eine Reihe von Büchern beschäftigt sich inzwischen mit der Genießerregion Hohenlohe. Vor kurzem erschien beispielsweise das Kochbuch Schwäbisch Hall, das vom
Landfrauenkreisverband Schwäbisch Hall  im Limosa-Verlag herausgegeben wurde – schon beim Durchblättern bekommt man sofort Lust auf Hohenloher Spezialitäten.

 

Autor und Fotos: Andreas Scholz

Weiterführende Infos:

Genießeradressen in Hohenlohe:

www.geniesserregion-hohenlohe.de

www.die-hohenlohe-gesellschaft.de

www.regionalmarkt-hohenlohe.de

www.besh.de/index.php/verbraucher/maerkte/kornhausscheunen

www.besh.de/index.php/verbraucher/maerkte/shaellische

www.besh.de/index.php/verbraucher/maerkte/bauernmarktsha

www.besh.de

www.slowfood.de

www.bag-hohenlohe.de/unternehmensprofil/geschaeftsfelder/raiffeisen-maerkte.html

www.michelbacher-milchmobil.de

www.gefluegelvombrunnenhof.de

www.hohenloher-schaumweine.de

www.schafkaese.com

www.hotel-anne-sophie.de
www.kressberger-premium.de

www.birkenhof-wunderlich.de

www.holunderzauber.de

www.molkerei-schrozberg.de

www.rappenhof.de

www.zickdehohenlohe.beepworld.de

www.jagstmuehle.de

www.dorfkaeserei.de

www.eschenau-rose.de

www.hofmetzgerei-hack.de

www.erlebniswelt.com/erlebnis-europa/erlebnis-regionen/hohenlohe/gruppenreisen-hohenlohe.html

 

Buchtipps:

Hohenlohe pur genießen!: 66 Lieblingsplätze und 11 Köche (Lieblingsplätze)

               Autorin: Ute Böttinger

               Verlag: Gmeiner Verlag

ISBN-13: 978-3839213667

 

Hohenlohe schmeckt – Gerichte und Gesichter – vom Acker auf den Teller

Autoren: Eva Reichert, Marion Hofmeier und Thomas Sadler

Verlag: schmeckthochdrei

ISBN-13: 978-3981402735

 

Das Kochbuch Schwäbisch Hall: Kulinarischer Streifzug in Rezepten, Bildern und Geschichten

Autoren: Landfrauenkreisverband Schwäbisch Hall

Verlag: edition limosa

ISBN-13: 978-386037608

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