Der Holunderzauberer aus Hohenlohe

Besuch bei Ritter Bernulf zu Bächlingen in Hohenlohe…

Sind Sie schon einmal einem Ritter begegnet? Einem Menschen, der einer vergangenen Epoche entstiegen scheint, einer Zeit, in welcher Tradition, Familiensinn, Heimatverbundenheit und kulturelle Verwurzelung noch eine alles überragende Rolle spielten? Gepaart mit ritterlichen Tugenden wie Gastfreundschaft und Großzügigkeit? Solche Menschen gibt es nicht mehr? Das dachte ich auch, bis zu meiner Begegnung mit Bernulf Schlauch, dem „Holunderzauberer“.

Es ist früher Nachmittag. Und noch so viel zu erledigen heute. Eine gute Stunde habe ich für das Gespräch mit Bernulf Schlauch eingeplant, als ich in Bächlingen bei Langenburg aus dem Auto steige und seine Türglocke läute. Eine Stunde für Lebenslauf, Entstehungsgeschichte seines „Holunder-Champagners“, eine Tasse Kaffee und ein paar Anekdoten. Und dann weiter... Was dann geschieht, habe ich bis heute noch nicht richtig begriffen. Kaum bin ich eingetreten, spielt Zeit keine Rolle mehr, sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur noch Worte. Sie werden zur Kulisse von Geschichten über Ritter und Fürsten, Reformatoren und Humanisten, Waldenser und Hugenotten, über Genuß und Lebenskunst. Und wieder einmal wird mir bewußt: Jeder Mensch trägt in sich Schätze, die man nur dann entdeckt, wenn man sich die Zeit dafür nimmt.

Keine Zeit?

Kaum habe ich Bernulf Schlauchs Haus betreten, offenbart er mir seine Vorstellung unseres (einstündigen?!) Gespräches: „Ich denke, wir machen es so: Zuerst gibt es Kaffee und Kuchen. Dann unterhalten wir uns. Danach probieren wir den Holunder-, den Akazien- und den Rosen-„Sekt“, der so gut wie keinen Alkohol hat. Dann unterhalten wir uns weiter. Später machen wir ein frühes Abendessen. Ich habe Schinken aus dem Piemont, Ziegensalami, Käse, usw. besorgt. Dazu trinken wir einen Tiroler Biowein. Dann wäre da noch der Selbstgebrannte, den sollten Sie unbedingt probieren. Und dann…“

Wie bitte? Ich bin doch nur auf der Durchreise, wollte ein paar Fragen stellen, habe so viel zutun. Was ich nicht weiß: Bernulf Schlauch ist nicht nur „Historiker und Erfinder“, er ist auch Genießer und im Nebenberuf Regionalbetreuer für Slow-Food, einer Lebensphilosophie, deren Ziel es ist, sich für die wichtigen Dinge des Lebens wieder mehr Zeit zu nehmen, vor allem für das Essen.
„Slow-Food ist das Gegenstück zu Fast-Food“, so Bernulf Schlauch, „Und es entspricht ganz meiner Grundeinstellung. In unserer Familie wurde großen Wert auf ein gemeinsames Essen gelegt und auf Gastfreundschaft. Slow-Food hat seine Wurzeln in Italien, wo es von jeher Brauch ist, das Leben zu genießen. Diese Lebensweise unterscheidet sich fundamental von der deutschen. Denn in keinem anderen europäischen Land geben die Menschen – prozentual zu ihrem Einkommen – weniger Geld für ihre Essen aus als bei uns. Und nehmen sich weniger Zeit dafür…“

Touché! Jetzt hat er mich erwischt. Meine Eßkultur ist typisch deutsch. Hatte ich doch geplant, mir nach unserem Gespräch unterwegs noch ein belegtes Brötchen zu besorgen und es im Auto zu verdrücken. Und zum nächsten Termin zu hetzen. Ich entscheide, alle weiteren Termine für heute zu streichen.

Der Holunderzauberer

Bernulf Schlauch ist nicht nur ein großzügiger Gastgeber, er ist auch eine wandelnde Enzyklopädie. Es gibt kaum Themen, über die er nichts zu sagen weiß. Ehe wir auch nur ein Wort über seine Erfindung, den „Holunderzauber“ gewechselt haben, erfahre ich vieles über die Geschichte der Hohenlohe, über den dreißigjährigen Krieg, über die Tatsache, daß die Hohenloher Fürsten die ersten waren, die die Leibeigenschaft abgeschafft haben, über die Jenische Sprache, die einst das „fahrende Volk“ benutzte, die sich aus Jiddisch, der Zigeunersprache und der Sprache der Händler zusammensetzte und die noch heute einige Hohenloher sprechen.

Bernulf Schlauchs Wissensfülle kommt nicht von ungefähr. Sein Vater war evangelischer Gemeindepfarrer in Bächlingen und studierter Kunsthistoriker. Er verfaßte viele heimatkundliche Schriften. So wurde dem Sohn das Interesse an Tradition und Geschichte in die Wiege gelegt. Seinen Namen verdankt er dem „Ritter Bernulph“, einem engen Vertrauten von König Gustav Adolf, der im dreißigjährigen Krieg eine besondere Rolle spielte. Sein Bruder Rezzo Schlauch – lange Jahre für die „Grünen“ aktiv und parlamentarischer Staatssekretär a. D. – wurde nach dem „Ritter Rezzo“ benannt, der im 13. Jahrhundert in Bächlingen lebte und auch dort begraben ist. Der älteste Bruder Wolfgang trat ganz in die Fußstapfen des Vaters und wurde Professor für europäische Geschichte.

Seine Mutter war es, die Bernulf Schlauchs Liebe zur Natur weckte. Früh weihte sie ihn ein in die Geheimnisse der Pflanzenwelt, erklärte ihm deren Wirkungen und Besonderheiten. Wie es in der Familie Tradition war, ging man am Sonntag in die Kirche und dann hinaus in Wald und Feld. Auch heute noch ist Bernulf Schlauch am liebsten in der Natur.

Der Holunder-„Sekt“

Der „Hohenloher Holunderzauber“ ist ein sektähnliches Getränk auf der Basis von Holunderblüten, das es in dieser Art eigentlich gar nicht geben dürfte. Bisher galt es als unmöglich, Sekt aus Blüten herzustellen. Der Fachwelt ist der „Holunderzauber“ deshalb ein Rätsel, eine Art alchemistischer Zaubertrank. Noch wurde kein genauer Begriff dafür gefunden. Das Paradoxe daran ist: Obwohl es den Holunder-“Sekt“ nicht geben darf, muß Bernulf Schlauch dafür „Sektsteuer“ bezahlen.

Viele Jahre hat er getüftelt und probiert, ehe es ihm gelang, das fragile Getränk zu bändigen. Unzählige Flaschen sind beim Gärungsprozeß explodiert. Inzwischen hat er den Bogen raus, und das Getränk findet immer mehr Liebhaber. Es hat einen besonderen Geschmack und wenig Alkohol. „Genießer können auch einmal eine ganze Flasche davon trinken und trotzdem noch nach Hause fahren.“ Der Erfolg mit dem Holunder-„Sekt“ hat Bernulf Schlauchs Experimentierfreude weiter angefacht. Er hat seine Experimente auf Rosenblätter und Akazienblüten ausgeweitet. Beide Getränke, sowohl den Akazien- als auch den Rosen-„Sekt“ darf ich probieren und genießen. Die Rosen stammen von einem regionalen Demeter-Hof, sind also von allerhöchster Qualität.

Alles, was Bernulf Schlauch an „flüssigen Naturprodukten“ herstellt, ist absolute Handarbeit. Er pflückt alle Holunderblütendolden selbst, setzt den Trank eigenhändig an, füllt ihn selbst in Flaschen ab, rüttelt jede einzelne Falsche in der 5 – 6wöchigen Rüttelphase täglich, bringt jede Flasche selbst zum Degorgieren und Verkorken,… und er beschriftet jede Flasche eigenhändig mit einem Goldstift. Bei einer Jahresproduktion von mehreren Tausend „Einzelstücken“ eine wahre Energieleistung. Und Teil seiner Philosophie.

Alle Angebote, diesen Herstellungsprozeß zu automatisieren, lehnt Bernulf Schlauch nämlich ab: „Ich stelle nur so viel her, wie ich selbst bewältigen kann. Denn ich bin überzeugt, daß Authentizität das Wichtigste im Leben ist. Wichtiger als Massenproduktion und maximale Rendite. Würde ich an meiner Art, den Holunderzauber herzustellen, etwas ändern, würde auch dessen Geschmack sich ändern. Der Holunderzauber ist etwas ganz Individuelles, und das soll er auch bleiben.“

Erkenntnis! 

Ja, auch Bernulf Schlauch ist ein ganz Individueller, ein echter Charakter. Wie seine Kreationen steht er für etwas, das unserer entwurzelten Welt immer mehr verlorengeht, für eine Mischung aus Bodenständigkeit und unangepaßter Entdeckerfreude. In der Psychologie gilt die Regel: „Ohne Wurzeln keine Flügel“. Bernulf Schlauch ist in seiner Heimat verwurzelt und doch offen für Neues. Auch wenn manches von dem, was er tut, „angeblich“ gar nicht möglich ist. Er tut es dennoch…

Als ich spät am Abend das Haus verlasse, habe ich vieles gelernt. Über Genuß und Lebenskunst, über Großzügigkeit und Gastfreundschaft, und über den Begriff Zeit. Und ich habe mir vorgenommen, mir in Zukunft mehr Zeit zu nehmen für die wichtigen Dinge des Lebens. Vor allem für das Essen und die Begegnung mit anderen Menschen. Denn jeder Mensch trägt Schätze in sich, die man nur entdeckt, wenn man sich Zeit dafür nimmt.

Weitere Informationen zum Holunderzauber unter www.holunderzauber.de

Ausgabe März 2011  -  Michael Hoppe

 

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