Wer losläßt hat zwei Hände frei – Interview mit dem Autor und Achtsamkeitslehrer Han Shan

Han Shan wurde als Hermann Ricker in Hessen geboren. Als junger Ingenieur wanderte er 1974 im Alter von 23 Jahren nach Asien aus und gründete 1979 in Singapur sein eigenes kleines Unternehmen, welches er über die Jahre zu einem weltumspannenden Konzern mit Fabriken in Singapur, Malaysia, Taiwan und den USA ausbaute. 1995 vollzog sich ein unerwarteter Wendepunkt im Leben des Managers und Millionärs. Nachdem er einen schweren Autounfall unverletzt überlebt hatte, überdachte er seinen Daseinszweck neu und verschenkte sein komplettes Vermögen. Er ließ alles los! Zehn Jahre lebte er in Thailand als Bettelmönch, zwei Jahre davon auf einer unbewohnten Insel. Er meditierte und suchte nach Antworten. Heute lehrt Han Shan die hohe Kunst der Achtsamkeit, die es jedem Praktizierenden erlaubt, sein tief verankertes menschliches Potential freizulegen.

Bereits in seiner Zeit als Mönch hatte Han Shan gespürt, daß er seine gemachten Erfahrungen irgendwann an andere Menschen weitergeben möchte. Er begann ohne Kapital und in Eigeninitiative mit einigen engagierten Helfern, das „Nava Disa Retreat Center“ in Thailand aufzubauen. Jeder Stein wurde eigenhändig aufgesammelt, jedes Pflänzchen selbst in der Erde verankert, und auch der Bau der Gebäude schritt nur so schnell voran, wie es sich ergab.
Die einzigartige Tempeloase ist heute ein Ort der inneren Einkehr und des Rückzugs für Menschen unterschiedlicher Nationen und kulturellen Hintergründen. Viele Europäer finden den Weg dorthin, um sich - losgelöst von religiösen Dogmen – für die Grundwerte der buddhistischen Lehre als Lebenshilfe zu öffnen und Achtsamkeit zu praktizieren.
2009 erschien Han Shans erstes Buch „Wer losläßt hat zwei Hände frei“ und wurde ein Bestseller. Zwei weitere Bücher folgten. Vorträge und Medienberichte weckten das Interesse einer wachsenden Zahl an (vor allem) deutschsprachigen Europäern. Daher bereist Han Shan inzwischen zwei Mal im Jahr für einige Wochen das deutschsprachige Europa und hält hier Vorträge und Retreats.
Mit der von ihm erarbeiteten „INSIGHT mind Focusing Methode“ bekommt der Sinnsucher ein Werkzeug an die Hand, das ihm hilft, den eigenen Geist besser kennen- und seine Funktionsweisen verstehenzulernen. 


Lieber Han Shan, als ich Ihr Buch „Wer loßläßt hat zwei Hände frei“ und Ihre darin enthaltene Lebensgeschichte gelesen habe, hat mich das sofort in meine Jugendzeit zurückversetzt. Auch ich war überzeugt, daß ich nach Asien auswandern und in ein Shaolin-Kloster eintreten müsse, um den Umgang mit mir selbst zu lernen. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich es nicht getan und schlage mich nun seit 50 Jahren mit dem Chaos in meinem Kopf herum. Muß man nach Asien auswandern, um inneren Frieden zu finden?
 

Han Shan:
Jeder hat einen anderen Weg. Mein Weg war sicher sehr radikal, und manche werden ihn sogar für verrückt halten. Doch hat mich Asien immer angezogen. Schon als ich noch Unternehmer war, bin ich in die asiatische Kultur eingetaucht. Ich habe meditiert und viel Zeit in den dortigen Tempeln verbracht. Mein Unternehmen habe ich nach den Lehren des „Feng Shui“ ausgerichtet, wo es statt um maximalen Profit mehr um den harmonischen Energiefluß innerhalb des Unternehmens geht.
Jeder Mensch kann dort beginnen, wo er sich gerade befindet. Um loszulassen zu lernen, muß man nicht zwangsweise alles hinter sich lassen. Es geht zuerst einmal um das mentale Loslassen. Das Loslassen von alten Vorstellungen, von Anhaftungen und Identifikationen. Dazu bedarf es geistigem Training, Einsicht und Methode.
Gute Meditation ist für mich die Wissenschaft des Geistes. Dabei geht es darum, sich seiner eigenen, momentanen geistigen Aktivitäten gegenwärtig zu sein. Dies hilft, unseren Geist besser zu verstehen und dadurch neue Ansätze im Umgang mit ihm freizulegen. Dafür ist die Achtsamkeit des Momentes das zentrale Mittel. Dieses Wissen in der Praxis zu vermitteln, darin sehe ich meine eigene Lebensaufgabe. Man kann viele Bücher lesen und sich alles Mögliche vorstellen - doch um etwas umsetzen zu können, benötigt man eine praktizierbare Methode. Letztlich muß man alles selbst erleben und erfahren. Sonst bleibt es nur Vorstellung.

Und wo sollte man beginnen?

Han Shan:
Dort, wo man gerade ist. Es ist wichtig, sich als erstes ganz rigoros Zeit für sich selbst zu nehmen und sich diese Zeit jeden Tag auch für das mentale Training zur Verfügung zu stellen. Das bedarf einer gewissen Disziplin und Offenheit, sich auf die eigenen Erfahrungen einzulassen und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Denn bei jedem wird es anders sein.
Wichtig ist das Tun! Und das Tun selbst wird durch die neu gewonnenen Erkenntnisse wieder neue Türen öffnen. Die Meditation, das „INSIGHT mind focusing“ sollte deshalb fester Bestandteil des Tagesablaufs werden. Zeit in sich selbst zu investieren, ist die beste Investition, die man tätigen kann. Warum? Wir können ja nur das weitergeben, was wir bei uns haben. Wenn wir uns ärgern, was geben wir weiter? Ärger! Wenn wir uns freuen, geben wir Freude weiter. Wenn wir Klarheit haben, geben wir Klarheit weiter. Wenn wir Liebe haben, geben wir Liebe weiter. Wenn wir uns jedoch selbst nicht lieben, was sollen wir dann weitergeben? Deshalb beginnt die Arbeit immer an uns selbst. Je mehr Ruhe und Klarheit ich in mir selbst freisetzen kann, je besser ich mit mir selbst umgehen kann, je mehr ich lerne, immer wieder in meine eigene Mitte zurückzukommen, desto mehr kann ich meinem Umfeld zur Verfügung stellen. Ob Partner, Kinder, Familie, oder Kollegen in der Firma, wir sind eingebettet in ein Umfeld, welches wir mit unserer Energie beeinflussen. Der Anfang ist immer, sich Zeit für sich zu nehmen, um sich selbst besser kennenzulernen. Dazu muß man sich nicht auf eine einsame Insel zurückziehen. Mit der richtigen Methode können wir das Loslassen überall lernen.

Und wie funktioniert Ihre Methode?

Han Shan:
Einmal steckt natürlich die Philosophie dahinter, daß wir unser wahres Selbst und die damit verbundene Lebensbestimmung freilegen und im Einklang mit unserem Umfeld leben können. Um dies zu realisieren, müssen wir daher als erstes die geistigen hinderlichen Verhaltensmuster und destruktiven Gewohnheiten erkennen und loslassen.
Den Kern der Methode bildet die Vipassana-Meditation, die auch Buddha und viele andere benutzt haben, um Einsichten in das eigene Sein zu gewinnen und ihre universelle Anbindung zu realisieren. Die „INSIGHT mind Focusing Meditation“ ist daran angelehnt, hat jedoch noch einige Aspekte dabei, die in den täglichen Aktivitäten direkt anwendbar sind. Denn oft geht die Ausgeglichenheit, die man in der Meditation erfährt, in den Turbulenzen des  täglichen Lebens wieder verloren. Sehr schnell verfangen wir uns in immergleichen Mustern, die festgefahrene Reaktionen in uns auslösen. Die Methode hilft uns dabei, rasch in die eigene Ruhe zu finden und aus unserer inneren Mitte heraus neue Kräfte zu generieren. Dies eröffnet uns ein glücklicheres und wohlbefindliches Leben, - unabhängig von äußeren Umständen.
Über die „INSIGHT mind Focusing Methode“ erfahren wir, wie unser menschliches  Energiefeld funktioniert. Da sind vier Hauptpunkte: 1. Körper/Geist. Der Körper und seine Relation zum Geist. 2. unsere Grundstimmung, also Gemütszustände, die uns tief bewegen und von denen wir oft nicht wissen, woher sie stammen. 3. die Gedanken und Gefühle. Und 4. die Sinneswahrnehmungen. Gerade über diese werden wir ja sehr stark von außen beeinflußt und so manipuliert. Eine geschärfte Achtsamkeit hilft uns, äußere Einflüsse im Moment des Eintreffens auf unsere Sinnesorgane wahrzunehmen und loszulassen, bevor sie sich in unserem Geist festsetzen können. Mit wachsender Klarheit werden wir unserer Selbst bewußt und sind in der Lage, unser eigenes Leben selbstverantwortlich zu führen.
Als ich nach meiner zehnjährigen Mönchszeit das erste Mal nach Europa kam, wunderte ich mich, daß hier alle so rannten. Und als ich dann fragte, warum sie rannten, war die Antwort: „Na es rennen doch alle.“ Doch nur weil alle rennen, müssen wir nicht mitrennen, denn dies heißt noch lange nicht, daß es die richtige Richtung ist.

In Ihrem Buch fiel mir wieder der Satz Buddhas auf: „Überwinde dich selbst, und du wirst die Welt überwinden“. Im christlich orientierten Westen gilt ja eher der Christus-Satz: „Ihr seid in der Welt und habt Angst. Doch fürchtet euch nicht, ich habe die Welt überwunden.“ In der Folge glauben die Menschen, ein anderer könnte für uns tun, was von uns selbst getan werden muß. Kann ein anderer für uns die Welt überwinden?

Han Shan:
Nein, das kann er nicht. Darum haben Buddha und auch Jesus uns ja Anleitungen gegeben, was wir in eigener Verantwortung tun sollten. Wie das später interpretiert wurde, sei dahingestellt. Beide haben uns die Anleitung gegeben, in uns selbst zu schauen und das freizusetzen, was in uns angelegt ist. Dabei geht es darum, unseren konditionierten Zustand mit all seinen Überlagerungen zu erkennen und zu überwinden. Dazu braucht es das Bewußtsein, sprich die Achtsamkeit. Jesus sagte „Gott ist in dir“. Was aber ist Gott? Eine ultimative, klare, allumfassende Essenzenergie. Es ist die göttliche Energie, die wir alle in uns haben. Gott ist ja kein Mann, sondern ein energetischer Zustand, sowie auch Buddha kein Mann, sondern ein energetischer Zustand ist. Es liegt an uns, uns von dem zu befreien, was diese göttliche Energie in uns verdeckt, damit sie wieder zum Vorschein kommt. „Ewiges Leben“ zu realisieren ist: mit dieser Energie eins zu werden.

Leiden entsteht ja zumeist, wenn man dem Leben und der Realität, die uns umgibt, einen inneren Widerstand entgegensetzt, anstatt sie zuerst einmal unvoreingenommen zu akzeptieren. Wie aber kann man alte Verletzungen loslassen?

Han Shan:
Je mehr Widerstand wir in uns selbst haben, indem wir etwas nicht annehmen können, desto mehr setzen wir Energien in uns frei, die die äußeren Turbulenzen noch erhöhen. In der psychologischen Herangehensweise sucht man meist nach den Ursachen für körperliche Störungen oder seelische Verletzungen. Die Psychologie kennt jedoch verschiedene Methoden, das Trauma wiederaufleben zu lassen. Und genau das geschieht: Das schmerzliche Ereignis wird wieder erlebt, wird also wiederholt. Zugleich wird es thematisiert; das Reden darüber aber wiederholt das Ereignis ein weiteres Mal und immer wieder, sodaß es sich noch stärker als zuvor im Energiefeld festsetzt.
Wir glauben, daß wir vergangene Verletzungen verarbeiten müssen, um sie dann schließlich loszulassen. Genau so stellt sich unser Verstand Loslassen vor: indem er aktiv daran beteiligt ist, eine vorgestellte Ursache von allen erdenklichen Seiten zu beleuchten, Geschichten dazu zu ersinnen, Ratschläge zu erteilen, mögliche Verknüpfungen zu anderen Erlebnissen und Gefühlen herzustellen und schließlich das Ganze zu vergessen – loszulassen eben.
Doch kann das funktionieren? Selbst wenn wir uns auf diese Weise von etwas Vergangenem lösen, kehrt das gleiche Muster schon bald wieder in uns zurück, und wir finden uns in einer ganz ähnlichen Situation wieder. Denn die Muster sind in unserem Energiefeld angelegt. Je öfter sie sich wiederholen, desto tiefer haben sie sich dort festgesetzt. Wer Achtsamkeit praktiziert, erkennt, daß alle Aktionen und Reaktionen, also Vorstellungen, Gefühle, Gedanken, Bilder, Erinnerungen usw. in unserem eigenen Energiefeld stattfinden. Wirkliches Loslassen funktioniert auf andere Weise: indem wir zum Beispiel einen Gedanken wahrnehmen, sobald er entsteht, ihn betrachten und so durch neutrale Energie ersetzen. Dadurch „reinigen“ wir unser Energiefeld von Überlagerungen und so auch von Traumata.  Unser wahres Selbst kann zum Vorschein kommen.

Eine bekannte Autorin hat den Satz geprägt, sie habe noch nie ein menschliches Leiden gesehen, daß nicht von einem unwahren Gedanken kommt. Der Verstand erzeugt ständig irgendwelche Gedanken, und wenn wir diese Gedanken glauben, entstehen daraus sogenannte Glaubenssätze. Um das Leiden aufzulösen, genügt es häufig, einen unwahren mit einem wahren Gedanken zu ersetzen. Den Leidensgedanken also loszulassen …

Han Shan:
Durch die Achtsamkeit können wir Stufe für Stufe Neutralität in uns etablieren, die uns zur ultimativen Wahrheit hinführt, frei von jeglichen Glaubenssätzen. Wir betrachten jeden Gedanken, ohne ihn zu bewerten - also klassifizieren wir auch nicht in wahr oder unwahr. Wir haften nicht an ihn an. Wir nehmen ihn nur wahr. Dadurch verändert er sich. Teil der „INSIGHT mind Focusing Methode“ ist die mentale Notiz. Der Verstand wird immer rattern. Das ist seine Natur. Wenn ein Gedanke oder ein Gefühl erscheint, wird es mit einer neutralen mentalen Notiz versehen. Ist es ein Gedanke, notieren wir: Denken, Denken, Denken. Steigt ein Angstfühl in uns auf, notieren wir: Fühlen, Fühlen, Fühlen. Wir reagieren nicht auf die Erscheinungen, sondern treten ihnen neutral entgegen, indem wir sie einfach benennen. Damit unterbrechen wir das Rattern und kehren in unsere Mitte zurück. Egal wo wir uns gerade befinden. Auf diese Weise erlangen wir innere Harmonie, und wahres inneres Glück setzt sich frei. Dies haben wir dann bei uns, wo immer wir sind.

In der Quantenphysik kennt man den Beobachtereffekt. Man hat festgestellt, daß jedes Ergebnis eines Experiments von der Bewußtheit dessen abhängt, der es betrachtet. Auf die Welt übertragen heißt das dann: Je bewußter wir selbst werden, je achtsamer wir die Welt betrachten, desto mehr vervollkommnet sie sich. Obwohl wir eigentlich gar nicht eingreifen.  

Han Shan: Vollkommen korrekt! Und je mehr Menschen dieses Bewußtsein in sich selbst freisetzen, desto größer wird der Effekt auf das Ganze sein. Wir können nur mit dem Potential wirken, das wir in uns freigesetzt haben. Und deshalb ist der Schlüssel zu allem der einzelne Mensch. Aus diesem Grund reise ich durch die Welt, um allen Menschen dieses praktische Wissen zur Verfügung zu stellen. Wenn wir unser Zusammenleben auf diesem Planeten harmonischer und im Einklang mit der Natur gestalten möchten, müssen wir uns Menschen entsprechend ändern. Veränderung geschieht nur durch Praktizierung, durch das konsequente Tun. Und egal an welchem Punkt sich ein Mensch befindet, selbst wenn ihm alles hoffnungslos vorkommt, sage ich immer: Fang erst mal an! Mit dem Tun ändert sich alles.

Lieber Han Shan, wir bedanken uns für das interessante Gespräch.


Das Interview führten Michael und Egle Hoppe


Weitere Informationen:
www.master-han-shan.de

 

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