MEHR RECHTE FÜR KLEINBAUERN! - Interview mit dem Initiator und Gastgeber des Internationalen „Global Peasants’ Rights Congress“ Rudolf Bühler

Wer den Begriff Kleinbauern hört, denkt wahrscheinlich an eine kleine  Minderheit von Landarbeitern, die sich noch standhaft gegen die Goliaths der Agrarindustrie zur Wehr setzt. Doch weit gefehlt! Kleinbauern mit Ihren Familien bilden die globale Mehrheit mit 70 % der Weltbevölkerung! Und die Kleinbauern repräsentieren das verbriefte Menschenrecht, die eigenen „Lebensmittel“ als Urproduktion selbst zu erzeugen und dadurch (über)lebensfähig und unabhängig sein zu können. Heute sehen sie sich mit ihren Marktfrüchten Handelsmonopolen ausgeliefert, und ihre Saaten werden ihnen von den internationalen Chemiekonzernen genommen. Unterstützen wir daher die Initiative „Global Peasants’ Rights“!   

 

Lieber Herr Bühler, nachträglich noch alles Gute zum 65. Geburtstag. Sie sind ja weltweit aktiv, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht.

Rudolf Bühler: Ja, in der Tat bin ich in meinen reiferen Jahren wieder als Entwicklungshelfer in der Welt unterwegs. Nach Ausbildung und Studium als Agraringenieur war ich schon mal sechs Jahre in der Entwicklungshilfe in Afrika, Syrien und Bangladesch tätig, danach habe ich Mitte der 80er Jahre meinen Dienst in der schönen Hohenloher Heimat angetreten. Aus meiner Lebenserfahrung meine ich, daß Entwicklungsarbeit nicht nur in den südlichen Ländern wichtig ist, sondern auch hier mitten in Europa.  


Die „Global Peasants’ Rights“ Konferenz im Frühjahr war Ihnen eine Herzensangelegenheit. Aus aller Herren Länder waren Vertreter angereist, die sich für die gemeinsame Sache einsetzen. Und es wurde sogar eine „Haller Erklärung“ verabschiedet. Was ist die Essenz dieser Erklärung?

Rudolf Bühler:
Es geht hier um die Neue Soziale Frage. In unseren industrialisierten Gesellschaften wurden die Kleinbauern und die ländliche Bevölkerung an den Rand gedrängt, sie sind die Looser. Sie sind Themen wie Landgrabbing, Knowledgegrabbing und genetischem Grabbing schutzlos ausgeliefert. Ihre Schätze, im englischen „Common Assets“ genannt, werden vom imperialistischen Großkapital schamlos geraubt und kapitalisiert. Übrig bleiben verarmte Kleinbauernfamilien, Indigene Völker und mit ihnen ganze rurale Landstriche, weil man ihnen ihre über Jahrhunderte entwickelten Nutzpflanzen und Haustiere patentiert und wegnimmt.
Dasselbe gilt für das indigene Wissen oder Erfahrungswissen, wie wir es auch nennen: dieses kann völlig legal „gegrabbt“ und kapitalisiert werden, während das intellektuelle Wissen bestens geschützt ist über Urheberrechte und Patente, in finaler Konsequenz bei der World Intellectual Property Organization WIPO, einer UN Organisation.
Wir müssen den Menschen in den ruralen Gebieten Gerechtigkeit zukommen lassen und ihnen ermöglichen, unter fairen Bedingungen am Welthandel teilzunehmen. Damit den Fluchtursachen vor Ort begegnen.


Die Veranstaltung „Global Peasants’ Rights“ hat ja im Rahmen des Gedenkjahres der 500 Jahre zurückliegenden „lutherschen Reformationsbewegung“ stattgefunden. Dieser folgten blutige Bauernaufstände gegen den Adel und das Großkapital. Wie können die vielen Millionen Kleinbauern der Gegenwart dem alles beherrschen Geldadel entgegentreten? Denn Firmen wie Monsanto & Co. sind ja Aktiengesellschaften, hinter denen große Kapitalgeber stehen. Ist eine friedliche Widerstandsbewegung gegen das Großkapital überhaupt möglich?

Rudolf Bühler:
Widerstand kann überhaupt nur mit friedlichen Mitteln stattfinden. Gottseidank leben wir in einer Republik, der Adel hat abgedankt. Doch die neuen Feudalen sind das imperialistische Großkapital. Wir können mit friedlichen Mitteln zivilen Widerstand leisten, den Finger in die Wunde legen. Unter anderem hat die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall gerade letzte Woche einen offiziellen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen  in New York, Genf und Wien zuerkannt bekommen im Wirtschafts- und Sozialausschuß. Dies ist ermutigend, und wir werden nachhaltig unsere Anliegen einbringen.


Derzeit steht ja der Mega-Deal von Bayer und Monsanto an. Sie haben persönlich vor der Bayer-Zentrale demonstriert und eine flammende Rede gehalten. Kann man das Ganze noch stoppen? Und falls nicht, was wären die Konsequenzen?

Rudolf Bühler:
Es ist wichtig daß wir die Zusammenhänge dieser weltweiten Allianz der großkapitalen Chemiekonzerne aufzeigen. Sie haben es sich zu ihrem Business gemacht, Pflanzen und Tiere mittels Gentechnik zu patentieren - zu Lasten der Kleinbauern dieser Welt. Dies ist eine kalte Enteignung. Denn die Sortenvielfalt und Tierrassen, welche wir haben, wurden von Bauern über Jahrhunderte entwickelt. Es sind ihre Schätze, sie sind Gemeinschaftseigentum der ruralen Bevölkerung.


Ernst Ulrich von Weizsäcker sagte bei der „Global Peasants’ Rights“ Konferenz, daß wir zukünftig „Balance statt Dogma“ benötigen, also eine Balance zwischen Umwelt und Wirtschaft. Weg vom Egoismus und Individualismus, und hin zur Gemeinwohlökonomie. Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Rudolf Bühler:
Durch solidarisches Wirtschaften anstatt Profitmaximierung. Leider gilt heute in der Industriegesellschaft der als erfolgreich, welcher am meisten Kapital kumuliert. Dies ist die falsche Denke. Das betriebswirtschaftliche Optimum ist eben nicht immer im Sinne des Gemeinwohls. Und viele Unternehmen machen es sich ja geradezu zum Prinzip, bestimmte Kosten der Allgemeinheit aufzubürden.
Nehmen wir nur mal die großen Logistikzentren der monopolen Handelsunternehmen: der Unternehmer braucht nur das Gebäude zu errichten, für die zugehörige Verkehrsinfrastruktur ruft er nach dem Staat. Wir reden hier von „Externalisierung der Kosten“. Wir müssen die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach dem Prinzip des Gemeinwohls gestalten, damit solche Exzesse nicht mehr möglich sind. 


Wann ist die nächste „Global Peasants’ Rights“ Konferenz geplant? Und wo wird bis dahin die globale Bauernbewegung stehen?


Rudolf Bühler:
Zwischenzeitlich gibt es eine UN-Arbeitsgruppe für die Rechte der Kleinbauern und der ländlichen Bevölkerung mit dem Ziel einer Deklaration, an welcher wir aktiv mitwirken von Seiten der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und der Stiftung Haus der Bauern. Die nächste Global Peasants Rights Konferenz wird an der Universität Oxford am Institut für Green Economy stattfinden im Juni 2018.


Lieber Herr Bühler, besten Dank für das interessante Gespräch und Ihre regionale und internationale Entwicklungsarbeit.


Das Interview führte Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.hdb-Stiftung.de
www.Global-Peasants-Rights.com
www.BESH.de
www.ECOLAND.de
Videos:
SEEDS OF HOPE: https://vimeo.com/193183322
Baysanto: https://vimeo.com/187849159

 

 

 

 

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