Am Anfang war der Rhythmus – Interview mit dem Musiker und Dirigenten Lahnor Adjei

Lahnor Adjei wurde 1971 in Nürnberg geboren und studierte nach dem Abitur zunächst Wirtschaftswissenschaften, dann Musik in den Fächern Horn und Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik in Mannheim. Er dirigierte namhafte Kulturorchester und gründete 2005 das Young Classic Sound Orchestra in Karlsruhe. Gastspiele als Dirigent und Hornist führten ihn in viele Länder. Seit 2012 ist Lahnor Adjei Musikschulleiter der städtischen Musikschule Schwäbisch Hall.

Lieber Herr Adjei, für viele Menschen ist Musik vor allem Klang. Gerade hat der Musiker Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen. Was ging Ihnen bei dieser Meldung durch den Kopf?

Lahnor Adjei: Ich habe davon gelesen, und das bestätigt, daß Musik in ihrem heutigen Verständnis stark mit dem Wort verknüpft ist. Und das Wort hat ja auch eine eigene Energie. Bob Dylan hat es verstanden, diese Symbiose auf besondere Weise herzustellen. Im Mittelalter kannte man die Minnesänger. Das waren sozusagen die ersten „Roadgroups“, die auf Tour gegangen sind und an den Burghöfen ihre Gesangsstücke zum Besten gaben. Und da war natürlich neben der Musik auch der Text von zentraler Bedeutung. Das war einerseits Unterhaltung, anderseits aber auch Kommunikation, also eine bestimmte Methodik, um Botschaften zu übertragen und weiterzuvermitteln.

Die zeitgenössische Musik, ob Rock, Pop oder auch Rap, ist eine von vielen Menschen völlig unterschätzte „Literatur“. Da werden in drei Minuten tief emotionale Botschaften und auch große Lebensweisheiten transportiert. Welche Art von Musik hören Sie am liebsten?

Lahnor Adjei:
Ich höre im Prinzip alles. Als Jugendlicher war es mehr die Metall-Musik, ich habe aber auch schon immer Klassik gehört. Mein Einstieg in die Rock-Pop-Ebene war Pink Floyd, „The Wall“, mit 12 Jahren. Was mich unglaublich fasziniert hat, war die kompositorische Verbindung von Text und Musik. Zur klassischen Musik kam ich, als ich als Drittklässler eine Schulaufführung besucht habe. Gespielt wurde Antonio Vivaldis Gloria. Das war für mich ein riesen Erlebnis. Und es hat mich dann auch angespornt, Trompete zu lernen, da dort eine Trompete zum Einsatz kam.

Vor Ihrem Musikstudium haben Sie Wirtschaftswissenschaften studiert. Wie kam es, daß Sie schließlich Musiker und Dirigent geworden sind?

Lahnor Adjei:
Das ist eine lange Geschichte. Der Entschluß, Musiker zu werden, entstand in mir sehr früh. Obwohl vieles dagegensprach. Es gab in unserer Familie zwar keine Musiktradition, aber in unserem näheren Umfeld eine Posaunenchortradition. So lag es nah, ein Blasinstrument zu erlernen. Mein jüngerer Bruder sang in einem bekannten Knabenchor und hat dadurch viel Aufmerksamkeit erfahren. Der Chor machte Konzertreisen bis nach Brasilien. Und natürlich war ich neidisch und hätte das auch gerne gehabt. Als mein Bruder dann ebenfalls Trompete spielte und schon nach wenigen Jahren deutlich besser war als ich und erste Preise bei „Jugend musiziert“ gewonnen hat, wurde mir klar, daß mein Trompeterdasein nicht unbedingt von großem Erfolg gekrönt sein würde. Dennoch packte mich der Ehrgeiz, und ich wollte herausfinden, ob nicht doch irgendwo im Bereich der Musik eine Aufgabe für mich läge. Ich war felsenfest davon überzeugt, daß Musik mein Leben ist – es hat dann aber doch viel Mühe und Schweiß gekostet, meinen Weg zu finden.
Eine besondere Erfahrung war auch unsere Schulband, die ich mit zwei Freunden gegründet hatte. Inspiriert durch die Blues Brothers haben wir Blues und Rock N´ Roll gespielt. Dabei habe ich zum ersten Mal erlebt, was für eine extreme musikalische Energieübertragung realisierbar ist innerhalb eines Konzertes. Und diese Faszination ist mir bis heute erhalten geblieben.

Und wie kamen Sie zum Dirigieren?


Lahnor Adjei: Als ich den Entschluß faßte, Musik zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen, hatte ich noch überhaupt keine Ahnung, was mich in dieser Welt erwartet oder welche Berufszweige es im Bereich der Musik gibt. Konkreter wurde es dann, als ich Mitglied eines Jugendsinfonieorchesters wurde. In eine große Gemeinschaft eingebettet zu sein und gemeinsam große sinfonische Werke zu erarbeiten, das war für mich ein absolutes Highlight. Dabei weniger auf die eigenen Limitierungen zu achten, sondern auf das große Ganze. So beschloß ich, Orchestermusiker zu werden.
Als ich jedoch mit dem Studium am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg begann, bin ich in eine tiefe Depression gerutscht. Ich hatte mich jahrelang so unter Druck gesetzt, daß ich nun den Eindruck hatte, daß meine Entwicklung als Musiker stagnierte. Andererseits habe ich in dieser Zeit erkannt, daß auch noch ganz andere Fähigkeiten und Interessen in mir schlummerten. Also habe ich statt Musik Wirtschaftswissenschaften studiert. Nebenher habe ich weiter in Orchestern gespielt. In dieser Zeit reifte der Wunsch, später im Bereich Mitarbeiterführung tätig zu sein. Die Frage war nun, wie konnte ich Musik und Mitarbeiterführung verknüpfen? Als Dirigent kann ich beide Interessen perfekt zusammenbringen. So folgte ein weiteres Studium an der staatlichen Hochschule für Musik in Mannheim.

Sie sind in Nürnberg geboren. Ihr Vater ist Ghanaer, Ihre Mutter Deutsche. Von 2002 bis 2004 waren Sie Generalmusikdirektor am National Theatre of Ghana und Chefdirigent des National Symphony Orchestra Ghana. In Afrika hat die Musik eine tiefe kulturelle Tradition und ist meist ein Ausdruck von Lebensfreude, was man von der oft etwas schwerverdaulichen klassischen Musik hierzulande nicht immer sagen kann. Was unterscheidet die afrikanische von der europäischen Musik? Und was die Musiker?

Lahnor Adjei:
Alle Kulturräume haben ihre eigene Musiktradition. Und die ist abhängig von der Mentalität der Bevölkerung. Die afrikanische Musik lebt im Wesentlichen von Emotionen, alles geschieht aus einem Bauchgefühl heraus. So sind Afrikaner mehr Bauchmenschen, Europäer eher Kopfmenschen. Die afrikanische Musik ist daher sehr rhythmuslastig. Rhythmus ist ja eigentlich der Urkern der Musik. Am Anfang war der Rhythmus - bevor die Melodie kam. So dient die afrikanische Musik dazu, den Emotionen und Befindlichkeiten Ausdruck zu verleihen. Dazu gehört auch die Bewegung. In der afrikanischen Kultur ist Musik ohne Bewegung fast undenkbar. Es gibt wohl keine afrikanische Musiktradition, wo nicht zur Musik getanzt oder gesungen wird. Während in Europa klassische Konzerte teilweise stumm und bewegungslos verfolgt werden.
Dazu kommt, daß Gehirnaktivitäten an das jeweilige Klima und die vorherrschenden Temperaturen gebunden sind. Es ist wissenschaftlich erwiesen, daß hohe Konzentrationsleistungen eher bei gemäßigten Temperaturen wie in Mitteleuropa möglich sind. Daher gibt es auch das Nord-Süd-Gefälle und im Sommer hitzefrei. Und wenn es zu kalt ist, kann man ebenfalls nicht gut denken. Hier liegt auch der große Vorteil, den die mitteleuropäischen Länder gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern mit ihren hohen Temperaturen haben.
Entsprechend wird der afrikanische Musiker mehr zu einer körperlich aktiven, auf Rhythmik basierenden Musik neigen, als auf eine große Konzentrationsleistung. Während die europäische klassische Musik die Form angenommen hat, die wir heute kennen.
Bei unseren Proben in Ghana stand kein klimatisierter Raum zur Verfügung. Es herrschten teilweise 35 bis 40 Grad. In diesem Klima haben wir den Messias von Georg Friedrich Händel einstudiert. Das ist eine ganz andere Erfahrung, als in einem schöntemperierten Proberaum zu sitzen.

Ich habe mich oft gefragt, warum bestimmte Menschen bestimmte Instrumente spielen. Ob der Trommler gerne auf die Pauke haut oder der Flötenspieler eher der Mensch der leisen Töne ist. Gibt es eine Art Psychologie der Instrumente? Und falls ja, welcher Menschen-Typ spielt welches Instrument?

Lahnor Adjei:
In meiner pädagogischen Jugendarbeit an der Musikschule erlebe ich, daß Kinder dazu tendieren, die Art von Instrument zu wählen, welche adäquat zu ihrem Temperament paßt. Ein aktives, bewegungsfreudiges Kind, das gerne laut ist, wird viel eher ein perkussives Instrument wie Pauke oder Schlagzeug attraktiv finden. Oder eine Trompete. Ein stilles, zurückhaltendes Kind wird eher ein Streichinstrument auswählen oder ein Holzblasinstrument, in den tieferen Regionen, wie etwa Bassklarinette. Hier in Deutschland sind die nachgefragtesten Instrumente in erster Linie Klavier, dann kommt Gitarre, Geige, Schlagzeug und Flöte. Dazu noch Klarinette und Trompete.

Welcher Menschentyp muß man sein, um Geige zu spielen?

Lahnor Adjei:
Es gibt ganz klare Unterschiede in der Herausforderung, was das Erlernen von Instrumenten angeht. Etwas, das von vielen Musikpädagogen oftmals unterschätzt und manchmal auch ignoriert wird. Das Erlernen eines Streichinstruments erfordert eine sehr viel größere, intensivere kognitive Auseinandersetzung als bei einem Blasinstrument. Das genaue Hören, die genauen Bewegungsabläufe. Die Geige ist ja das höchste Streichinstrument. Die Töne liegen an den Seiten ganz eng beieinander. Ein halber Millimeter verändert schon den Ton. Je größer das Instrument wird, desto größer ist die Toleranz der Abstände der Töne. Am größten ist sie beim Kontrabaß.
Der typische Geiger ist also ein Mensch, der gerne filigrane Arbeit tut,  der sich gerne mit Kleinigkeiten auseinandersetzt, der gerne ganz genau hinhört und viel Geduld mit sich selbst mitbringt. Der gemütlichere Typ wird dann eher Kontrabaß lernen, wenn es ihn zu den Streichinstrumenten zieht. Wobei man auch beim professionellen Kontrabaßspiel sehr viel Fingerspitzengefühl benötigt.
Bei den Blechblasinstrumenten ist es ein großes Stück einfacher. Sie sind vergleichsweise die am einfachsten zu lernenden Instrumente. Hier kann man innerhalb kurzer Zeit die größten Fortschritte machen. Und man kann auch als Erwachsener zu spielen beginnen. Bei der Geige weiß man, daß man möglichst bereits vor dem Schulalter beginnen muß, wenn man irgendwann später passable Ergebnisse erzielen will.

Ein alter Freund von mir spielte in einer Punkband. Obwohl er nur drei oder vier Griffe an der Gitarre beherrschte, hatte die Band viele erfolgreiche Auftritte. Klassische Orchestermusiker müssen für gute Erfolge über ein sehr viel größeres Repertoire verfügen. Dazu bedarf es vieler Jahre geradezu übermenschlicher Disziplin. Ist das nicht ein wahnsinniger Streß, immer perfekt spielen zu müssen?

Lahnor Adjei:
Zuerst einmal ist es eine unglaublich hohe Befriedigung, sich innerhalb eines Orchesters für ein Programm vorzubereiten. Vor allem, wenn man ein anspruchsvolles Instrument spielt und viele Jahre geübt hat, um dem Instrument gerecht zu werden. Man möchte sein Allerbestes geben. Im professionellen Bereich wird dieser Perfektionismus jedoch teilweise schon ad absurdum geführt. Man ist einem permanenten Perfektionswahn erlegen und dem daraus resultierenden Druck. Und das führt natürlich zu Auswüchsen, die ungesund sind. Zudem führt es weg von dem, wozu das Musizieren eigentlich gedacht war – Freude! Freude haben im Tun und Freude geben im Tun.

Sie arbeiten viel mit jungen Musikern. Sind Jugendliche im Zeitalter von „Supertalent“ und „Voice of Germany“ noch an klassischer Musik interessiert?

Lahnor Adjei:
Definitiv ja! Daß die Zahlen zurückgehen, liegt – meiner Ansicht nach – an unserem übertrieben hohen Medienkonsum, durch die digitale Technologie, die wir momentan täglich zur Verfügung haben. Diese suggeriert uns, daß man durch nichts oder wenig hinzutun, musikalische oder andere Leistungen einfacher erbringen kann. Was zu der irrigen Meinung führt, daß das Instrumentenlernen auch so funktioniert. Wer dann mit dieser Einstellung an die Sache herangeht, wird bald die Flinte ins Korn schmeißen.
Das Interesse an der klassischen Musik ist aber weiter vorhanden. Ich erlebe das, wenn ich meine Filmmusikkonzerte habe. Und Filmmusik ist nichts anderes als zeitgenössische klassische Musik. Und würde Mozart heute noch leben, der wäre ganz sicher Filmmusikkomponist.

Künstler wie Mozart, Bach oder Beethoven galten einst als von Gott inspiriert. Ihre Werke stellen bis heute das Nonplusultra dessen dar, was der inspirierte Geist erschaffen kann. Wie sehen Sie das?

Lahnor Adjei:
Meiner Meinung nach funktioniert ein Komponist wie ein Kanal, so wie alle Menschen im Grunde Kanäle sind. Die Komponisten dieser Zeit hatten sich spezifisch für diese Ebene geöffnet, aus welcher sie ihre Ideen bekommen haben. Ich sage einmal ketzerisch: Eine Komposition ist keine Erfindung als solches, die der Komponist als Mensch entwickelt bzw. selbst hergestellt hat, sondern die Musik existierte bereits woanders. Rein nach der Philosophie Platons: in der „Welt der Ideen“. Und der Komponist bringt diese Idee in unsere Welt. Was natürlich für diese Zeit eine noch viel größere Leistung war. Es gab noch keine Computer, keine Aufnahmegeräte. Alles mußte bei Kerzenschein mit Feder und Tinte festgehalten werden. Und da es noch keine Aufnahmegeräte gab, fand alles im Kopf statt. Eine gigantische Leistung!  

Musik ist omnipräsent. Von der Hintergrundmusik in Filmen über die Stimmungsmusik auf Festen und Feiern bis zur oft nervtötenden „musikalischen Umweltverschmutzung“ in öffentlichen Räumen wie Cafes und Supermärkten. Selbst in Fußballstadien wird das ganze Spiel über gesungen. Wird der Einfluß der Musik auf die Stimmung der Menschen unterschätzt? Denn wir werden ja musikalisch sowohl konditioniert als auch manipuliert …

 Lahnor Adjei: Man muß sich bewußt sein, daß Musik grundsätzlich eine Wirkung und damit eine Funktion hat - die Übertragung von Emotionen. Tatsächlich ist heute die Tendenz vorhanden, diese Funktion manipulativ zu verwenden. Deshalb sollten wir wieder beginnen, bewußt Musik zu hören. Früher bin ich ins Auto eingestiegen und habe das Radio eingeschaltet. Heute tue ich das nicht mehr. Wenn ich Auto fahre, ist silencium. Außer ich möchte etwas Bestimmtes hören, dann schalte ich den MP3-Player ein.
Die Menschen müssen sich Gewahr werden, daß Musik eine unheimliche Kraft und Power hat. Und man kann nur vernünftig damit umgehen, wenn man sich dessen bewußt ist. Wenn man bewußt zuhört und sich nicht berieseln läßt.

Viele spüren in der Musik heilende Kräfte. Von der Klangschalentherapie bis zum gemeinsamen Singen in Krankenhäusern, das nachweislich die Selbstheilungskräfte aktiviert. Die australischen Aborigines behaupten gar, der Mensch habe seine Sprechorgane ausschließlich zum Singen erhalten, da Singen – im Gegensatz zum Reden – glücklich und gesund mache. Was vermag die Musik? Kann sie heilen?

Lahnor Adjei: Das kann ich nur absolut bestätigen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß Menschen, die aktiv musizieren, deutlich geringere Anfälligkeiten haben für chronische Leiden und andere Gesellschaftskrankheiten. Wer aktiv musiziert, lebt also gesünder. Zudem könnte man sagen, daß Menschen entsprechend ihres Musikkonsums die Möglichkeit einer geistigen Hygiene haben. Abhängig davon, welche Art von Musik sie bevorzugt konsumieren. Dabei geht es vor allem um die Balance. Es geht nicht um bessere oder schlechtere Musik, sondern um die emotionale Phase, in der man sich gerade befindet. Man ist nicht immer in einer Wohlfühlstimmung. Manchmal erlebt man auch destruktive Stimmungen. Und auch diese haben ihre Berechtigung. Die Musik ist dann ein Ventil, um Emotionsstaus abzulassen.

Lieber Herr Adjei, wir bedanken uns für das musikalische Gespräch.


Das Gespräch führte
Michael Hoppe

 

 

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