GEWALTLOSIGKEIT UND MENSCHENRECHTE – Interview mit dem langjährigen Sondergesandten des Dalai Lama KELSANG GYALTSEN

Kelsang Gyaltsen wurde 1951 in Kham, Osttibet geboren. 1959 floh er mit seiner Familie nach Indien und zog später in die Schweiz. Vom Dalai Lama berufen, ist er seit 1985 für die tibetische Exilregierung politisch aktiv. Von 2002 bis 2012 war er Sondergesandter des Dalai Lama und für den sino-tibetischen Dialog zuständig, und danach bis 2016 Sonderrepräsentant für Europa. NATURSCHECK traf den hohen Würdenträger im April 2017 anläßlich einer Veranstaltung der Tibet Initiative Schwäbisch Hall.

 

 

 

 

Lieber Kelsang Gyaltsen, wie geht es dem Dalai Lama?

Kelsang Gyaltsen:  Sehr gut. Im Juli wird er 82 Jahre alt, und er befindet sich in exzellenter gesundheitlicher Verfassung. Gerade hat er zehn Tage lang Nordindien bereist, entlang der Grenze zu Tibet, wo die Straßen sehr schlecht sind und er täglich sechs bis acht Stunden im Auto saß. Er hat dort viele Belehrungen vor tausenden von Gläubigen und Gästen gehalten. Heute ist er nach Dharamsala zurückgekehrt, wo ja die tibetische Exilregierung sitzt. Und es geht ihm sehr gut.

Besteht die Möglichkeit, den Dalai Lama persönlich zu treffen?

Kelsang Gyaltsen:
Theoretisch ja. Man schreibt an sein Sekretariat, legt sein Anliegen vor und bittet um eine Audienz. Da er inzwischen über 80 ist, versucht man jedoch, seine begrenzte Zeit für größere Veranstaltungen und Vorträge zu reservieren, wo er mehr Menschen erreicht.

Sie sind 1958 mit Ihrer Familie aus Tibet geflohen, als die Chinesen einmarschiert sind. Können Sie sich noch an diese Zeit erinnern? Sie waren damals sieben Jahre alt.

Kelsang Gyaltsen:
Ich habe Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sind nicht durchgehend, sondern Einzelereignisse. Am stärksten ist mir in Erinnerung, daß meine Mutter und andere Menschen unserer Gruppe geweint haben. Lautstark geweint. Das war, als wir unser Dorf verlassen und von einer Berghöhe aus auf das Dorf zurückgeblickt haben. Ich sah, daß viele Häuser in Brand gesteckt wurden. Und ich war sehr betroffen, meine Mutter so weinen zu sehen.
Dann erinnere ich mich, daß wir nachts marschiert sind. Oder daß ich mitten in der Nacht geweckt wurde, um weiterzugehen. Ich erinnere mich an Dauerregen. Oder daß ich auf ein Pferd gebunden wurde, um nicht herunterzufallen. Dabei hat es so stark gewindet, daß ich kaum Luft bekam. An solche Dinge erinnere ich mich.

Wie lang hat denn Ihre Flucht von Tibet nach Indien gedauert? Sie führte ja über die höchsten Berge der Erde.

Kelsang Gyaltsen:
Ich bin in Osttibet geboren, an der Grenze zu China. Meine Eltern erzählten mir, daß unsere Flucht insgesamt ein Jahr und vier Monate gedauert hat, ehe wir Indien erreichten. Wobei wir nach dem Einmarsch der Chinesen in unser Dorf nicht direkt nach Lhasa und weiter nach Indien marschiert sind, sondern uns zuerst versteckt haben. In der Hoffnung, die Chinesen würden wieder abziehen, haben wir einige Wochen oder gar Monate gewartet. Was jedoch nicht der Fall war. So sind wir dann weitergezogen.  

Sie waren viele Jahre lang für den sino-tibetischen Dialog aktiv. Wenn Sie heute zurückblicken: Gibt es irgendeine Form der Annäherung zwischen China und Tibet? Oder gar die Hoffnung auf eine Anerkennung Tibets durch China?

Kelsang Gyaltsen:
Ich habe über dreißig Jahre lang für den Dalai Lama und die tibetische Regierung im Exil gearbeitet. Von 2002 bis 2012 war ich zuständig für den sino-tibetischen Dialog und in dieser Zeit ca. zehn Mal in China und in den tibetischen Gebieten. Wir haben dort Gespräche mit chinesischen Vertretern geführt. Das politische Ziel des Dalai Lama ist, innerhalb der Volksrepublik China eine autonome Republik für das tibetische Volk zu erwirken. Es ist nicht so, daß wir Tibeter - wie China den Dalai Lama und die tibetische Regierung im Exil bezichtigt - eine Trennung, Spaltung und Unabhängigkeit Tibets anstreben. Wir streben eine echte Autonomie im Rahmen der Volksrepublik China an, die es den Tibetern ermöglicht, in der eigenen tibetischen Heimat unsere eigene Kultur, Sprache, Religion und Identität zu bewahren und zu pflegen.
Vor diesem Hintergrund haben wir mündliche und schriftliche Vorschläge gemacht für eine echte Autonomie, und wir haben diese Vorschläge mit Experten für chinesisches Recht ausgearbeitet. So daß unsere Vorschläge konform sind mit den Gesetzen, die die chinesische Regierung für nationale Minderheiten erlassen hat. Leider hat die chinesische Seite alle Vorschläge zurückgewiesen. So gab es keinen Fortschritt. Und seit 2010 sind die Kontakte zwischen den Gesandten des Dalai Lamas und der chinesischen Regierung unterbrochen. Das ist die politische Seite.
Wobei es noch eine andere Seite gibt. Denn das Tibetbild der einfachen chinesischen Bevölkerung hat sich in den letzten 20, 30 Jahren stark gewandelt. Früher war dieses aufgrund der politischen Propaganda sehr negativ. Tibet sei rückständig, abergläubisch, unterentwickelt und so fort. Da nun immer mehr Chinesen reisen dürfen, ist die Wertschätzung für Tibet und den tibetischen Buddhismus stark gewachsen. Es kommen Millionen von chinesischen Touristen nach Tibet. Viele von ihnen sind in Wahrheit keine Touristen, sondern Pilger, die die heiligen Stätten besuchen. Viele Klöster wurden renoviert und wieder aufgebaut durch Spenden von reichen Chinesen. Vor allem junge Chinesen wenden sich in zunehmendem Maße wieder dem tibetischen Buddhismus zu.
Auch bei Belehrungen in Indien oder den USA erleben wir, daß immer mehr Menschen aus China zu diesen Belehrungen kommen. So ist die Haltung der chinesischen Regierung gegenüber Tibet nicht vergleichbar mit der Haltung der einfachen chinesischen Bevölkerung. Die Chinesen sind seit den achtziger Jahren freier geworden in ihrer Lebensgestaltung. In Deutschland leben mehrere Tausend chinesische Studenten, und auch in vielen anderen westlichen Ländern. Und im Ausland werden diese Chinesen mit einem ganz anderen, sehr viel positiveren Tibetbild konfrontiert.

Es gibt kaum eine andere Nation, die im Westen eine so große Wertschätzung erfährt wie Tibet. Für viele Menschen repräsentiert Tibet die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Kelsang Gyaltsen:
Das hat sicherlich damit zu tun, daß der Dalai Lama ein Symbol für Tibet in der Welt ist. So steht Tibet für Gewaltlosigkeit, Dialog, Versöhnung, und für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen. Es steht nicht für Trennung und Spaltung! Und gerade in unserer heutigen Zeit, wo die Welt mit politischer Gewalt und Terrorismus konfrontiert ist, erkennen immer mehr Menschen, daß wir diese Probleme dauerhaft nur lösen können, wenn wir eine Gegenkultur der Gewaltlosigkeit anbieten. Eines der Mantras des Dalai Lama ist, daß das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert des Krieges und des Blutvergießens war. Und er wird nicht müde, die Menschen aufzufordern, aus dem 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Gewaltlosigkeit und des Dialogs zu machen.
Die Gewaltlosigkeit alleine löst noch keine Probleme. Denn wir haben alle gegensätzliche Wünsche und Interessen. Nur durch Dialog können wir hier eine friedliche Übereinkunft finden. Und der Dialog setzt voraus, daß man den anderen anerkennt und respektiert. Dies ist der einzige kluge und vernünftige Weg, um Probleme im 21. Jahrhundert zu lösen.   

Sie halten heute einen Vortrag über Gewaltlosigkeit und Menschenrechte. Wie können wir diese beiden Prinzipien in die Praxis umsetzen?

Kelsang Gyaltsen:
Eines der Hauptanliegen des Dalai Lama ist, die Gewaltlosigkeit zu fördern. Die effektivste Möglichkeit, dies umzusetzen, ist durch ethische Bildung schon vom Kindergarten an. Durch eine Ethik der universellen Werte. Wenn die nächste Generation schon im Kindergarten lernt, Probleme durch Dialog zu lösen und nicht mehr mit der Faust, dann können wir eine menschlichere, gewaltfreie Gesellschaft schaffen.
Vor diesem Hintergrund arbeitet der Dalai Lama schon seit Jahrzehnten mit Wissenschaftlern, Psychologen, Neurologen und Pädagogen zusammen, um ein Curriculum auszuarbeiten, das auf universellen Werten und Menschlichkeit gründet. Und sein Vorschlag ist, die Erfahrungen der Menschheit mit einzubeziehen, dazu die menschliche Vernunft und die wissenschaftliche Erkenntnis. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, daß z. B. Meditation über Mitgefühl, Geduld oder Vergebung bereits innerhalb von zwei, drei Wochen körperliche Wirkungen zeigt, daß das Immunsystem gestärkt wird und vieles andere mehr. Daher ist eine solche Ethik, die von Kindheit an gelehrt wird, ein wichtiger Schritt hin zu einer gewaltfreien Gesellschaft.

Eigentlich sollte diese gewaltfreie Botschaft ja auch die Kernaussage des Christentums sein. Und doch wird heute immer noch „Auge um Auge“ gedacht und auch so gehandelt. Auch von vermeintlich christlich orientierten Ländern. Da wird es gutgeheißen, daß ein US-Präsident Raketen in ein fremdes Land schießt, um den Tod von Menschen zu rächen. Was Sie über China sagen, daß die Politik zwar immer noch ähnlich handelt, das Volk jedoch dabei ist, sich stark zu verändern, das sehen wir auch in Deutschland. Wenn die deutsche Regierung heute einen Krieg beschließen würde, würde ein Großteil der Deutschen nicht mitmachen. Die Friedensbewegung geht also überall vom Volk aus …

Kelang Gyaltsen:
So ist es. Daher bedarf es einer ethischen Bildung für alle Menschen. Wir greifen zu Gewalt, weil wir Emotionen haben, Gedanken, Gefühle. Doch können wir lernen, zu unterscheiden, welche Emotionen uns förderlich sind und welche nicht. Neben der körperlichen Hygiene sollten wir auch auf eine emotionale Hygiene Wert legen. Welche Gefühle sind nützlich, aufbauend, positiv? Welche Gefühle sind destruktiv und schädlich? Negative Gefühle schaden auch unserer eigenen Gesundheit. Sie erzeugen Streß und schwächen unser Immunsystem. Während Menschen, die geduldiger, ruhiger und mitfühlender sind, gesünder leben. Den Umgang mit den eigenen Gefühlen schon im Kindergarten zu lernen, wäre das Richtige.

Der Dalai Lama plädiert für eine universelle, religionsfreie Ethik. Was meint er damit, und wie könnte dies heute verwirklicht werden?

Kelsang Gyaltsen:
Wenn der Dalai Lama von einer universellen Ethik spricht, meint er damit nicht, daß wir die Religionen nicht brauchen. Er ist überzeugt, daß alle Weltreligionen auf einer Ethik basieren wie Liebe, Mitgefühl, Versöhnung, Vergebung, Selbstdisziplin u.s.w. Durch gesellschaftliche, kulturelle und historische Umstände haben sich unterschiedliche Philosophien und Theologien entwickelt. Es ist offensichtlich, daß eine einzige Religion nicht die gesamte Menschheit befriedigen kann. Und deshalb glaubt der Dalai Lama, daß eine universelle Ethik das beinhalten muß, was sowohl Menschen in Afrika, als auch in Asien und Europa verbindet. Die Religion kann dies dann noch verstärken. Doch nehmen die Menschen es leichter an, wenn es nicht Teil einer bestehenden Konfession ist.

Der Dalai Lama sagte einmal in einem Interview, daß er weder der beste, noch der schlechteste Dalai Lama sein, aber vielleicht der letzte. Was meinte er damit, und was kommt nach dem derzeitigen Dalai Lama?

Kelsang Gyaltsen:
Die Institution des Dalai Lama ist eine menschliche Institution. Und eines der Grundprinzipien des Buddhismus ist die Impermanenz - das Allesvergängliche dessen, was Menschen schaffen. Die Institution des Dalai Lama hängt von verschiedenen Umständen ab. Sollte diese Institution für das tibetische Volk nicht mehr notwendig sein, dann ist es gut, sie zu beenden. Falls das tibetische Volk diese noch wünscht, stellt er sich dafür zur Verfügung. Denn sicher wird man nach dem 14. Dalai Lama wieder nach einem jungen Auserwählten suchen, der dann das Amt des 15. Dalai Lama verkörpert.
Als Mensch wird der jetzige Dalai Lama also ganz sicher wiedergeboren werden. Denn es ist sein Wille, sein Wunsch und sein Gelöbnis, immer wiedergeboren zu werden, um leidenden Wesen zu helfen und ihnen den Weg der Befreiung zu zeigen. Ob er nun aber als Inhaber der Institution des Dalai Lamas wiedergeboren wird, das ist ungewiß. Denn es liegt im Willen des tibetischen Volkes, diese Institution aufrechtzuerhalten oder nicht.
Dazu kommt: Wenn der Dalai Lama heute sterben würde, dann ist fast sicher davon auszugehen, daß die Chinesen ein Kind als diese „Reinkarnation des Dalai Lama“ präsentieren werden. Und natürlich wird die große Mehrheit der Buddhisten und Tibeter das nicht anerkennen. Alles in allem eine sehr komplexe Situation. 

Was sind Ihre weiteren Pläne für die Zukunft? Und für wann planen Sie ihre nächste Wiedergeburt?

Kelsang Gyaltsen:
(lacht) Ich bin Tibeter, der vor allem politisch denkt. Ich habe dreißig Jahre lang versucht, die Interessen meines Volkes in Europa zu vertreten. Heute kämpft das tibetische Volk um sein Überleben, seine eigenständige, unverwechselbare Kultur, Religion, Sprache und Identität. Wenn wir betrachten, welches Ansehen der Dalai Lama heute in der Welt genießt, bin ich überzeugt, daß die tibetische Kultur der Menschheit einiges zu bieten hat. Und wenn diese Kultur unterginge, wäre das sicherlich ein großer Verlust für die ganze Menschheit.
Um überleben zu können, braucht das tibetische Volk eine Heimat und eine echte Autonomie. Einen Ort, wo es leben und blühen kann. Und es wird immer schwerer werden, je länger der Zustand andauert, daß von den 6 Millionen Tibetern 150.000 im Exil leben und der andere Teil in Tibet unter chinesischer Unterdrückung. Es ist also die Aufgabe meiner Generation von Tibetern, daran zu arbeiten, diese Autonomie zu ermöglichen. Dafür werde ich weiterleben und arbeiten. Und über meine nächste Inkarnation mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist. (lacht)

Lieber Kelsang Gyaltsen, ganz herzlichen Dank für Ihre friedensstiftende Arbeit und für das offene Gespräch.



Das Interview führten Michael und Egle Hoppe


Weitere Informationen:
www.tibet-schwaebisch-hall.de

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