Facebook macht blöd, blind und erfolglos – Interview mit der „Digital-Therapeutin“ Anitra Eggler

Anitra Eggler ist Journalistin, Autorin und Vortragsrednerin. Sie wurde in Karlsruhe geboren und lebt heute in Wien. Bekannt wurde sie durch ihre Bücher "E-Mail macht dumm, krank und arm" und "Facebook macht blöd, blind und erfolglos". Anitra Eggler bezeichnet sich selbst als erste „Digital-Therapeutin“ und wurde 2010 von der österreichischen Frauenzeitschrift Woman zur Nr. 1 Powerfrau der Kategorie Werbung und Public Relations gewählt. Gerade ist ihr neues Buch erschienen mit dem Titel: "Mail halten! – Digitale Selbstverteidigung für Arbeitshelden und Alltagskrieger".


E-Mail, Handy, Web: Wir sind dauerabgelenkt, statt aufmerksam. Wir reagieren, anstatt zu agieren. Wir sind überkommuniziert, aber uninformiert. Immer mehr Menschen verwechseln „Googeln“ mit Wissen und Wikipedia mit Wahrheit. Dabei haben wir es hier mit Unternehmen zu tun, die vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgen.

Google hat inzwischen einen Marktanteil von 95 % und filtert Nachrichten und Informationen vor. Wer nach Antworten „googelt“, findet das, was ganz oben in den „Rankinglisten“ erscheint. Und das sind nicht etwa die ehrlichsten, sondern zumeist die zahlungskräftigsten Anbieter. So werden wir immer mehr gleichgeschaltet, ohne es zu bemerken. 

Dazu kommt: Wenn zwei Menschen, respektive „PC-User“, denselben Suchbegriff eingeben, erhalten sie unterschiedliche Ergebnisse – denn bestimmte Algorithmen verarbeiten unsere individuellen Verhaltensmuster und präsentieren uns die „Wahrheiten“, die zu uns passen. Big Brother läßt grüßen.
Trotz vieler Warnungen wächst vor allem die jüngere Generation unaufhaltsam in diese virtuelle Scheinwelt hinein. Es wird „geliked“, „geposted“ und „getwittert“. Man veröffentlicht intimste Details des eigenen Lebens (unverhüllt) im Netz. Und jede noch so banale Nichtigkeit wird mit der „Community“ geteilt. Laut einer aktuellen Studie werden 33 % aller im Restaurant bestellten Speisen zuerst fotografiert, auf Facebook gestellt und dann erst gegessen. Auch auf die Gefahr hin, daß das Essen dabei kalt wird …

Der Homo Digitalis als internetsüchtiger Dauerexhibitionist – eine kranke und krankmachende Entwicklung. Dabei haben Internet und Mobiltelefon sehr viele positive Seiten. Sie können unser Leben bereichern und sogar vereinfachen – wenn wir den richtigen Umgang damit lernen.


Liebe Anitra Eggler, Ihre Bücher legen den Finger in eine Wunde, die der „Erkrankte“ oft noch gar nicht als solche erkennt. Was verstehen Sie unter „Digital-Therapie“?

Anitra Eggler:
Eine „Digital-Therapie“ therapiert weit verbreitete Kommunikationskrankheiten. Sie hilft Menschen und Unternehmen, den digitalen Segen auszubeuten, für den die digitale Revolution angetreten ist. Ich habe den Begriff 2010 erfunden, um den Menschen mit einem Augenzwinkern rüberzubringen, daß wir unser Verhalten ändern müssen, wenn wir uns nicht alle in den Wahnsinn treiben möchten.

Wo liegt der fundamentale Fehler im System? Warum brauchen wir eine Therapie?

Anitra Eggler:
Weil wir uns derzeit von den Medienmöglichkeiten sagen lassen, wie wir die Technologien nutzen, und nicht von unserem gesunden Menschenverstand. Dadurch entstehen Kommunikationskrankheiten wie Handy-Hysterie, E-Mail-Wahnsinn, Sinnlos-Surf-Syndrom oder Facebook-Inkontinenz – die rauben uns Lebenszeit und Erfolg, beruflich und privat. Beispiel: Nur weil es das Handy ermöglicht, rund um die Uhr erreichbar zu sein, muß ich es ja nicht sein, wenn mir mein Menschenverstand sagt, daß ich mich nicht wie ein Notarzt verhalten muß, weil ich gar kein Notarzt bin. Das heißt: Ich sollte auch nicht ans Telefon gehen, um zu sagen, daß ich gerade gar nicht ans Telefon gehen kann, weil ich z. B. in einer Besprechung bin. Das ist albern. Oder: Nur weil es medienmöglich ist, auf Facebook öffentlich Tagebuch zu führen und seinen inneren Gedankenstrom in Form eines Live-Tickers zu veröffentlichen, muß ich das ja nicht tun, wenn mir mein Menschenverstand sagt, daß die Veröffentlichung meiner Privatsphäre meiner Reputation schadet.

Von 1998 bis 2010 waren Sie selbst Teil des digitalen Wahnsinns. Sie waren erfolgreiche Start-Up-Managerin. Wann haben Sie erkannt, daß Sie reif sind für eine Digital-Therapie?

Anitra Eggler:
Anfang 2009. Da habe ich Bilanz gezogen und mit Entsetzen festgestellt, daß ich bereits 1,5 Jahre „vermailt“ und 2,5 Jahre „versurft“ hatte. Heute weiß ich, daß ich mir und meinen damaligen Mitarbeitern viel Arbeits- und Lebenszeit hätte sparen können, wenn ich früher kritisch hinterfragt hätte, wie ich die digitalen Medien nutze, wie wir kommunizieren möchten und – noch wichtiger – wie nicht.

Wo sollte man beginnen?

Anitra Eggler:
Das Zauberwort heißt „Zeit“ – das ist die wertvollste Währung unserer aktionistischen Sofortness-Gesellschaft. Deshalb geizen wir damit und leiden unter dem zermürbenden Gefühl, ständig im Zeit-Minus zu sein. Dabei ist Zeit der Schlüssel zum Segen. Jeder muß Zeit investieren, um Zeit zu gewinnen – das klingt paradox, aber es funktioniert.

Was heißt das konkret?

Anitra Eggler:
Sie müssen Zeit investieren, um Ihre Geräte und Apps so zu konfigurieren, daß sie Ihnen das bringen, wofür die digitale Innovation angetreten ist: Zeitersparnis, viele Dinge des Alltags und des Jobs vereinfachen, Informationen und Wissen besser managen und, ja, Menschen zusammenbringen, Meinungen austauschen und, wichtig, auch ganz einfach mal Spaß haben und entspannen.

Wie geht das in der Praxis?

Anitra Eggler:
Die Herausforderung besteht darin, daß die „Idiotenfunktionen“ der Geräte so intuitiv zu bedienen sind, daß man völlig hirnfrei beginnt, ein Gerät oder eine App in Betrieb zu nehmen, und sich dann von den Medienmöglichkeiten – und nicht vom gesunden Menschenverstand – sagen läßt, wie man das Gerät oder die App sinnvoll nutzt. Das führt dazu, daß uns die Geräte im Griff haben und die Anbieter unsere Privatsphäre - und nicht wir die Geräte und unsere Daten. Erkenntnis: Das Betriebssystem für jede Technologie ist nicht die Technologie selbst, sondern sein Anwender, der Mensch. Jedes Smartphone ist nur so smart wie sein Besitzer.

In Ihren Büchern warnen Sie zudem vor der omnipräsenten „digitalen Ablenkung“. Warum? 

Anitra Eggler:
Weil sie unsere Konzentrationsfähigkeit zerstört. Das ist ein gewaltiges Problem. Wenn ich ständig versuche, alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Harvard-Ärzte nennen die Dauerablenkung inzwischen „ADT – Attention Deficit Trait“. Namensvater Dr. Edward Hallowell geht davon aus, daß heute jeder zweite Manager unter ADT leidet. Das heißt: Er läßt sich von der nächsten Unterbrechung, z. B. Spam-E-Mail, sagen, was er als nächstes tut und nicht von seiner Priorisierung.

Aber suchen wir diese Ablenkung nicht selbst, wenn wir ständig unser Handy, unsere Mails und unser Facebook-Konto kontrollieren?

Anitra Eggler:
Doch, verrückterweise. Genau das tun wir. Warum? Unser Gehirn wird süchtig nach den Dopamin- und Adrenalinausschüttungen, die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten. Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil wir einfach nicht imstande sind, das abzuschalten. Deshalb rate ich zum Beispiel, bei Smartphones den automatischen Mail-Download und sämtliche Push-Mitteilungen abzuschalten. Dann sieht man nicht dauernd, daß schon wieder ungelesene Nachrichten da sind. Wir können nicht anders – wir wollen dann „nur mal kurz gucken“. Daraus wird aber meistens „ziemlich lang“. Unser Hirn ist süchtig nach diesen Glückserlebnissen.

So wird also der sprichwörtliche Bock zum Gärtner gemacht, und was uns Zeit ersparen sollte, stiehlt sie uns am Ende?

Anitra Eggler:
Man lügt sich selbst in die Tasche. Fragt man die Leute, wie oft sie pro Tag auf Facebook gehen, dann hört man in aller Regel: Naja, zweimal, vielleicht dreimal, immer nur für ein paar Minuten. Schaut man sich dann die Mediadaten von Facebook an, stellt man fest: Die durchschnittliche Verweildauer eines Facebook-Nutzers beträgt zwanzig Minuten. Unsere Zeitwahrnehmung beim Nutzen sozialer Netzwerke ist total verzerrt. Wenn ich dreimal am Tag für zwanzig Minuten auf Facebook bin, macht das schon eine Stunde. Rechnen Sie jetzt noch die Mittagspause dazu und ein bißchen Kaffeeklatsch hier, ein bißchen ins Nirwana googeln da, plus die Dauerablenkung durch pseudowichtige E-Mails oder Messenger-Nachrichten, die „sofort“ beantwortet werden müssen – und Sie kommen auf einen beachtlichen Arbeitszeitverlust. Kein Wunder, daß die Leute dann glauben, sie müßten abends und am Wochenende nacharbeiten.

Ihr Tipp lautet also: regelmäßig abzuschalten? Sie selbst lesen Ihre Mails ja nur zwei Mal pro Tag zu festgelegten Zeiten …

Anitra Eggler:
Ja, Abschalten ist extrem wichtig. Wir gehen ja auch nicht 30 oder 40 Mal pro Tag zum Briefkasten, um zu sehen, um jemand einen Brief eingeworfen hat. Ständig wird so getan, als sei Multitasking eine Karrieretugend. Sehen Sie sich Stellenanzeigen an: Da wird nach der Krake gesucht, die 666 Dinge auf einmal tun kann. Das ist irr. In meinen Augen zählt es heute zur unternehmerischen Verantwortung, den Leuten zu sagen: Wir wollen keine ständige Erreichbarkeit. Ständige Erreichbarkeit ist für mich inzwischen Synonym für miserables Zeitmanagement. Nur Sklaven sind ständig erreichbar. Das ist ein falscher Karriere-Götze, der gestürzt werden muß. Besser investieren Sie in einen Funklochraum, wo Mitarbeiter ungestört konzentriert arbeiten können.

Das erinnert mich an eine Österreichreise im Herbst. Da erklärte mir eine Hotelmanagerin, ihr Hotel sei vor einigen Jahren das erste gewesen, das mit WLAN geworben hätte, und nun sei es das erste, das ein WLAN-freies Hotel anbietet. Der ständig Erreichbare kann sich nirgendwo wirklich entspannen. Setzt das Umdenken bereits ein?

Anitra Eggler:
Es hat längst begonnen. Die Personalabteilungen merken, daß es immer mehr Krankheitstage aufgrund psychischer Erschöpfung gibt; die Chefetagen erfahren vom Produktivitätsverlust durch digitale Ablenkungen am Arbeitsplatz. Verschiedene Zusammenhänge, dasselbe Fazit: Dieser Trend ist kontraproduktiv. Wir sollten die Technik intelligent nutzen – aber wir sollten uns dabei nicht an die Technik outsourcen.

Wie ist Ihnen der Umstieg gelungen?

Anitra Eggler:
Indem ich mir Zeit genommen habe, ganz kritisch zu hinterfragen, für welches Ziel ich welches Medium oder Gerät einsetzen will. Und: Indem ich dann ganz strikt die Medien und Geräte so konfiguriert habe, daß sie mich auf dem kürzesten Weg zum Ziel bringen. Plus: Ich habe Kommunikationsrituale gebrochen, die sich eingeschlichen hatten. Dinge wie: ständiges Standby-Sein, ständig Kommunizieren, auch im Urlaub, oder E-Mails checken, auch wenn man gar keine Zeit hat zu antworten, z. B. im Straßenverkehr. Und ganz wichtig: Schluß mit dem Multitasking!
Heute bin ich, gleich was ich tue, wieder zu 100 Prozent bei der Sache: Wenn ich esse, esse ich, wenn ich telefoniere, telefoniere ich, wenn ich maile, maile ich – ich versuche nicht mehr, alles gleichzeitig und dadurch nichts mehr richtig zu machen. Diese Aufmerksamkeit für andere, dieses Präsent-und-dabei-menschlich-Sein, ist ganz sicher einer meiner Erfolgsfaktoren.

Liebe Anitra Eggler, besten Dank für das „virtuelle“ Gespräch.



Das Interview führte Michael Hoppe


Weitere Informationen:
www.anitra-eggler.com

 

 

 

 

 

 

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