Die Politik ist ein sehr dickes Brett – Interview mit dem Finanzexperten und „Mr. Dax“ Dirk Müller

Dirk Müller ist seit vielen Jahren das Gesicht der Börse. Kompetent und charismatisch versteht er es, das Börsenlatein so zu übersetzen, daß es auch Normalsterbliche begreifen. Er hat den Crash 2008 vorausgesagt und auch im Nachgang viele Anregungen gegeben, wie die globale Geldwelt – und damit wir alle – dem finanziellen Supergau entgehen könnten. Doch selbst ein Dirk Müller predigt in Berlin zumeist „betriebstauben“ Ohren.

Herr Müller, im Jahr 2009 haben wir im NATURSCHECK Ihr Buch „Crashkurs“ vorgestellt. Damals dachten wir alle: Das war´s mit dem alten Geldsystem. 20 Millionen (!) Amerikaner hatten gerade ihre Immobilie verloren, hunderte von Banken gingen Pleite. Heute schreiben wir das Jahr 2016, und das „System“ lebt immer noch. Wie konnte das geschehen?

Dirk Müller:
Wir haben ja gesehen, daß Politik und Notenbanken alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um die Situation nochmal herumzureißen. Wir standen damals am Abgrund, gar keine Frage. Der damalige Finanzminister sagte, daß es dabei um Stunden ging, um die „Kernschmelze“ des Finanzsystems zu verhindern. Man hat mit einem unglaublichen Kraftakt alles getan, um noch etwas Zeit zu gewinnen. Wobei wir die Situation mit einem Auto vergleichen können, das unterwegs stehenbleibt. Man tut alles, um es noch einmal zum Laufen zu bringen. Man schiebt es mit vereinten Kräften an. Doch ist inzwischen nicht nur die Batterie leer, sondern auch die „Lichtmaschine“ kaputt. Die Batterie läßt sich nicht mehr aufladen. Das Auto fährt zwar noch, doch der Motor stottert schon wieder. Das heißt aber auch: nochmal werden wir einen abgestorbenen Motor nicht wieder anwerfen können.

Sie hatten in Ihrem Buch 2008 genau diese Situation vorausgesagt: daß entweder der sofortige Kollaps eintreten wird, oder – wenn man alles Menschenmögliche dafür tut – das alte Geldsystem noch fünf bis sieben Jahre weiterfunktionieren könnte. Die Politik hat sich für die zweite Lösung entschieden und den Großteil der Multimilliarden an Bankschulden einfach auf die Bürger umgeschichtet. Eigentlich ein Skandal! Die prognostizierten sieben Jahre sind nun um, und es steht uns der nächste Kollaps bevor. Gibt es denn aus Ihrer Sicht überhaupt eine Möglichkeit, den gordischen Knoten noch zu entwirren?

Dirk Müller:
Möglichkeiten gibt es immer - wenn sie politisch umgesetzt werden! Ich habe selbst ein Konzept entwickelt und es in meinem letzten Buch „Showdown“ in den Grundzügen skizziert. Dieses Konzept hat den Weg in hohe Kreise der deutschen und der europäischen Politik gefunden. Wer immer sich mit diesem Konzept auseinandergesetzt hat, von Wirtschaftswissenschaftlern bis zu ehemaligen Finanzministern, sagte: „Das ist es. Wieso haben wir das nicht? Das ist die Lösung.“ Die Politik ist aber ein sehr dickes Brett. Und daher bezweifle ich, daß wir es rechtzeitig schaffen, ein solches Konzept umzusetzen.
Seit Jahren stehe ich auf der Bühne und erkläre, daß wir endlich umdenken müssen. Der Zusammenbruch unseres Finanzsystems ist unabwendbar, weil die enormen Schulden, die immer größer werden, nicht mehr zurückbezahlt werden können. Die Schulden des einen sind die Geldguthaben des anderen. Und wir versuchen, das Verschuldungsproblem zu lösen, indem wir die Schulden „vernichten“. Das heißt aber im gleichen Moment, daß wir auch die Geldguthaben vernichten. Ständig diskutieren wir über dieselben drei Wege: Der erste ist die „Inflationierung“. Dabei versuchen die Notenbanken eine langsame, aber kontinuierliche Inflation zu erzeugen. Der zweite Weg ist, die Schulden zu streichen. Wie wir es in Griechenland getan haben. Der dritte Weg wäre dann die ganz brutale Maßnahme: nämlich die komplette Geldentwertung und die Zwangsbesteuerung, also das Einziehen der privaten Guthaben durch den Staat.
Ich bin jedoch überzeugt, daß es auch anders geht. Darum habe ich mir die Frage gestellt: Wie konnte es überhaupt geschehen, daß heute so große Privatvermögen so großen Schuldenlasten gegenüberstehen? Die großen Vermögen sind im Grunde nichts anderes als „gespeicherte Arbeitsleistung“. Würde dieses Geld zurück ins System fließen, könnten die, die Schulden haben, diese durch ihre Arbeitsleistung wieder ausgleichen. Da dieses Geld jedoch gehortet wird und nicht im Umlauf ist, bauen sich immer mehr Guthaben auf. Und im Gegenzug steigt die Schuldenlast.
Meine Überlegung war nun, diesen gordischen Knoten zu zerschlagen. Wir haben einen unglaublichen Bedarf an Investitionen in Infrastruktur jeglicher Art. Oft wissen wir nicht, wie wir diese bezahlen sollen. Auf der anderen Seite haben wir riesige Privatvermögen, also gespeicherte Arbeitsleistung. Und hier wissen viele nicht, wo sie ihr Geld investieren sollen. Was liegt also näher, als diese beiden Welten zusammenzubringen?
Mein Konzept ist, die Bürger zu motivieren, ihr Privatvermögen in Infrastruktur jeder Couleur zu investieren. Wenn möglich, in ihrer unmittelbaren Umgebung. Und das nicht in Form von Kredit oder Verleih, sondern als finanzielle Beteiligung an der eigenen Infrastruktur. So bringt man das Geld wieder in Umlauf und baut Schulden ab. Alle Möglichkeiten dazu sind vorhanden, ohne daß man den Zins abschaffen oder ein neues Geldsystem erfinden müßte. Man könnte das Rad komplett zurückdrehen und sofort mit dem Umbau beginnen. Was jedoch fehlt, ist die politische Tatkraft des Umsetzens.

Irgendwie erinnert mich das an das Wirtschaftsprinzip „Cradle to Cradle“. Hier wird in natürlichen Kreisläufen gedacht und bereits bei der Entwicklung neuer Produkte sichergestellt, daß dabei später kein Müll anfällt. Leider scheint die Politik nicht in der Lage zu sein,  innovativ vorauszudenken. Man reagiert immer nur.

Dirk Müller:
Richtig. Das Konzept „Cradle to Cradle“ stammt von Professor Braungart, den ich sehr schätze. Das Besondere daran ist, daß man keinen Ressourcen-Verbrauch, sondern einen Ressourcen-Gebrauch macht. Und darin steckt ja auch die Lösung. Wenn ich Energie nicht erzeuge, indem ich Dinge verbrauche und dadurch Kohlenstoffe freisetze, sondern indem ich Dinge gebrauche, ohne daß dabei etwas verschwindet, kann ich auch anders mit dieser Energie umgehen. Ich bräuchte dann auch nicht Energie zu sparen, sondern könnte aus der Fülle schöpfen.

Wie Sie, hat ja auch Professor Braungart eine geniale Lösung parat, wie dies praktisch umzusetzen wäre. Man müßte nämlich nur alle Produkte neu erfinden. Das klingt zwar im ersten Moment utopisch, würde jedoch einen riesigen Wirtschaftsboom auslösen. Und wenn man sieht, wie kreativ die Menschen hierzulande sind, wäre das doch eine echte „Patentlösung“. Da aber viele Lobbygruppen von unserem Mangelsystem profitieren, sperrt sich auch die Politik gegen die Weiterentwicklung. Wo könnte man denn hier ansetzen?

Dirk Müller:
Ich kann hier nur für meinen Bereich sprechen, also die Finanzen. Mein Konzept ist so aufgebaut, daß es nicht von der großen Politik abhängig ist. Jeder kann es umsetzen. Das könnte ein Bürgermeister einer Gemeinde sein, ein Landesherr oder natürlich auch der deutsche Finanzminister. Dazu müßte nur an ganz kleinen Stellschrauben gedreht werden. Mit dem Ziel, die Menschen, die heute über das Geld verfügen, dazu zu motivieren, ihr Geld auszugeben. Ideal wäre, das Geld nicht nur für den reinen Konsum auszugeben, sondern es vom Schuldgeld in Investitions- und Beteiligungskapital umzuwandeln. Damit würde man neue Infrastrukturen schaffen. Das könnten beispielsweise „Serverfarmen“ sein oder Solarkraftwerke. Das könnte Elektrizitätsinfrastruktur sein oder auch Investitionen in den Straßenbau. Der Bürger beteiligt sich mit seinem Kapital an seiner Stromleitung oder an anderen öffentlichen Projekten.
Daß es in der Vergangenheit immer wieder Kritik an sogenannten PPP-Modellen (Public-private-Partnership) gab, lag weniger an den Modellen selbst als an der Art, wie sie durchgeführt wurden. Hier ist sicher noch Verbesserungsbedarf. Die Grundüberlegung, den Bürger an seiner eigenen Infrastruktur zu beteiligen, an seinen Kindergärten und seinen Schulen, bringt ein ganz anders Bürgerverständnis und ein anderes Verantwortungsbewußtsein für das eigene Umfeld.
Doch wie bereits gesagt: die Politik ist ein dickes Brett. Ich hatte das Konzept dem ehemaligen Finanzminister vorgestellt, der sofort sagte: „Ich bin dabei.“ Auch der Senat der Wirtschaft Deutschlands hatte sich auf die Fahnen geschrieben, das Konzept voranzutreiben. Mir sagte aber einmal jemand aus dem politischen Berlin: „Die einfachste Möglichkeit, sich in Berlin zu isolieren, ist: eine gute Idee zu haben.“ Denn immer spielt die Parteipolitik eine große Rolle. Und wenn ein anderer eine gute Idee hat und nicht man selbst, wird sie grundsätzlich abgelehnt und blockiert. So habe ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt, wie sinnvolle Überlegungen aus partei- oder machtpolitischen Gründen keine Verwirklichung fanden. Hier ist noch ein großer Änderungsbedarf in der Politik: weg von Eigen- und Egointeressen einzelner Parteien, hin zum Gemeinschaftsinteresse.

Wenn es im Nationalen schon so schwierig ist, wie soll man das das große Ganze in den Griff bekommen? Der ehemalige Goldman-Sachs-Mann und jetzige EZB-Chef Mario Draghi läßt derzeit  (virtuelle) Billionen Euro drucken, um damit Wertpapiere und Staatsanleihen aufzukaufen und eine künstliche Inflation zu schaffen. Japan hat im Januar 2016 gar den „Negativzins“ eingeführt. Das erinnert irgendwie an Silvio Gesell und den natürlichen Wertverlust des Geldes …

Dirk Müller:
Da haben Sie völlig Recht. Eigentlich wundert es mich, daß die „Gesellianer“ im Moment nicht Hosianna schreien. Denn das, was gerade geschieht, hatte Silvio Gesell immer eingefordert. Wenn man in der Vergangenheit den Begriff Negativzins benutzt hat, wurde man als völlig weltfremder Spinner verlacht. Heute ist das Realität. Und die Leute nehmen es achselzuckend hin, weil sie gar nicht verstehen, was da eigentlich passiert. Das wird eine sehr interessante Entwicklung werden, und dieses „Schwundgeldsystem“ haben wir nun tatsächlich eingeführt. Mal sehen, wie es sich auswirken wird.

Ein weiteres großes Thema ist die Privatisierung. Immer mehr Staaten gehen – wie Griechenland – in die Schuldenfalle und sind dann gezwungen, alle staatlichen Gemeinschaftswerte an Investoren zu „verhökern“. Der kanadische Investor Brookfield Property Partners hat 2015 für einen Multimilliardenbetrag den Potsdamer Platz in Berlin gekauft, inklusive der darauf stehenden Gebäude. In Städten wie Paris oder London gehören die meisten attraktiven öffentlichen Plätze längst „internationalen Investoren“. In London werden gerade am Rande des Bankenviertels 25.000 Luxuswohnungen für superreiche Chinesen gebaut. Wie weit ist der globale Ausverkauf bereits fortgeschritten? Und kann man ihn überhaupt noch umkehren?

Dirk Müller:
Ja, dieser Ausverkauf findet definitiv statt. Und ich kann ihn auch nicht wirklich nachvollziehen, vor allem, wenn es um kommunale Belange geht. Ich setze mich auch bei uns in der Kommune dafür ein und stelle die Frage: Warum dürfen Kommunen ihre Grundstücke und Landflächen überhaupt verkaufen? Denn normalerweise wäre es doch viel sinnvoller, das zu tun, was die Kirchen seit Jahrhunderten tun: Nämlich Land auf Erbpacht zu vergeben. So bleibt das Land im Besitz der Kommune, des Landes und der Öffentlichkeit. Wer es nutzt, kann das eine bestimmte und kalkulierbare Zeit lang tun. Danach geht das Land zurück in das Gemeingut und das Gemeinwesen.
Was wir in anderen Regionen der Welt, wie etwa in Afrika, als „Lang Grabbing“ brandmarken, hat bei uns schon vor Jahrhunderten stattgefunden. Was in Afrika der korrupte Staatschef ist, war hierzulande früher der Kaiser, König oder Landesfürst, der irgendeinen „Kleineren“ beschenkt und damit Korruption betrieben hat. Grundstücke wurden verschachert und so für alle Zeiten dem Gemeinwohl entzogen. Diese Art von Privatisierung muß man also grundsätzlich in Frage stellen.
Mein eigenes Konzept basiert zwar auch auf der Privatfinanzierung vieler Infrastrukturthemen. Doch kommt hier hinzu, daß die öffentlichen Belange unbedingte Berücksichtigung finden - und daß die öffentliche Hand als Träger weiter Entscheidungspotential hat. Privatisierung an sich ist weder schlecht noch böse. Die gesetzlichen Vorgaben müssen aber entsprechend sein.
Problematisch wird es vor allem, wenn es um Monopole geht – wie etwa beim Wasser. Es gibt nur ein Wasser. Das System der Privatwirtschaft funktioniert aber nur dann, wenn es Konkurrenz gibt. Daher muß die Politik hier klare Rahmenbedingungen schaffen. Und das hat sie leider allzuoft versäumt. So ist die Privatbeteiligung an großen staatlichen Projekten ein wichtiger Baustein, wie einst bei den ersten Eisenbahnlinien in Amerika. Die wären ohne private Investitionen und rein durch staatliche Verschuldung niemals realisierbar gewesen. Doch standen auch dort die einzelnen Eisenbahnlinien miteinander in Konkurrenz.

In Frankreich galt die Privatisierung auch lange als magische Wirtschaftsformel. Zwei Firmen teilen den gesamten französischen Wassermarkt unter sich auf. Und die Moral von der Geschicht: Kaum noch Investitionen in die Infrastruktur, und ein kontinuierliches Abschöpfen der Gewinne für die Großaktionäre. Inzwischen kaufen die großen Kommunen wie Paris die eigenen „Wasserrechte“ wieder zurück.

Dirk Müller:
Das ist genau das, was ich angesprochen hatte: Die gesetzlichen Vorgaben müssen endlich der Realität angepaßt werden. Dann wird der private Investor auch wieder ein Interesse daran haben, sein eigenes Umfeld positiv mitzugestalten. Er überläßt das Handeln und das Monopol nicht mehr den Großunternehmen, sondern wird wieder zum aktiven Teilnehmer.

Die globale Umverteilung ist in vollem Gange. Laut der letzten Oxfam-Studie besitzen die 62 reichsten Milliardäre inzwischen mehr als die ärmeren 3,7 Milliarden der Weltbevölkerung. Dazu gibt es immer mehr globale Monopolisten. In den USA wurde kürzlich berichtet, daß in den „zweitgrößten“ Global Player derselben Branche gar nicht mehr investiert wird. Alles läuft auf das „Ultra-Monopol“ hinaus. Wie können wir verhindern, daß – wie in dem Comic „Batman“ - am Ende nur noch eine einzige Firma existiert, die alles kontrolliert?

Dirk Müller:
Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung, die Sie da beschreiben. Das Monopol widerspricht völlig dem Prinzip der Marktwirtschaft. Denn dieses basiert grundlegend auf dem Prinzip des Wettbewerbs. Und diesen haben wir ausgeschaltet. Es gab schon immer die sogenannten „Monopolkommissionen“. Bereits im frühen 20. Jahrhundert wurde so zum Beispiel das Unternehmen „Standard Oil“ zerschlagen, da man erkannte, daß ein solches Monopol die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gefährden könnte.
Auch Oligopole sind gefährlich. Und doch ignorieren wir diese Erkenntnis heute völlig. Wir lassen Monopole zu, die vor einigen Jahrzehnten noch absolut unvorstellbar gewesen wären. Wie konnten Google, Facebook, Apple - und wie diese Unternehmen alle heißen - eine solche Marktdominanz erzielen, während die Wettbewerbskommission in Deutschland und Europa in den letzten  Jahren anderen Zusammenschlüssen wegen marginaler Kleinigkeiten widersprochen hat? Wir überlassen die Kontrolle über unsere gesamten Daten und über unser ganzes Leben einer einzigen Firma, die mit niemand anderem im Wettbewerb steht. Das ist Wahnsinn! Hier entsteht eine Machtballung bei ganz, ganz wenigen „Spielern“. Und da diese Dämme offenkundig gebrochen sind, wird sich diese Entwicklung dramatisch beschleunigen.
Im schlimmsten Fall werden am Ende einige wenige Firmen die Welt beherrschen. Der Verbraucher hat keine Lobby mehr, dagegen vorzugehen. Wie bei Facebook bereits heute. Die entscheiden irgendeine Veränderung ihrer Datenschutzbestimmungen, und egal wie nachteilig das für die Gesellschaft der Menschen ist, es wird durchgesetzt. Das ist eine Machtstruktur, die permanent mißbraucht wird. Die Politik steht staunend daneben. Und der Bürger ist hilflos, weil er als einzelner nichts tun kann.

Regelmäßig erreichen unsere Redaktion Meldungen, daß die EU-Kommission ein generelles Bargeldverbot ab 2018 plant. Das gehe aus internen Papieren in Brüssel hervor. Das Verbot wird begründet mit Geldwäsche und zunehmender Kriminalität. Meine Schwester lebt in Frankreich. Dort ist es Unternehmen und ihren Mitarbeitern seit 2015 verboten, Bargeldbeträge über 1.000 Euro anzunehmen. Sonst macht man sich strafbar. 2016 soll die Summe auf 500 Euro gesenkt werden. Französische Zeitungen berichten zudem, daß „die Deutschen“ schon seit Jahren kein Bargeld mehr benutzen und alles mit „Karte“ bezahlen. Und der unbedarfte französische Zeitungsleser glaubt diesen Unsinn. Wie sehen Sie das Thema „Bargeldlosigkeit“?

Dirk Müller:
Ja, tatsächlich, diese Bargeldlosigkeit wird kommen. Der Deutsche-Bank-Chef sagte ja vor wenigen Tagen: In zehn Jahren wird es das Bargeld nicht mehr geben. In Skandinavien experimentiert man schon damit. Und man wird es wieder mit Kriminalität, Schwarzarbeit oder Ähnlichem begründen. Tatsächlich ist das nichts anderes als die „Totalkontrolle“. Und daran haben die wesentlichen Entscheider ein großes Interesse. Der Staat hat ein Interesse daran, weil er damit die völlige Oberhoheit und die Transparenz seiner Bürger bekommt. Die Industrie hat ein großes Interesse daran, weil sie damit die maximale Transparenz ihrer Konsumenten bekommt. Der einzige, der kein Interesse daran hat, ist der Bürger. Doch was den Bürger interessiert, interessiert die Entscheider  schon lange nicht mehr – und deshalb wird es kommen!

Jetzt muß ich zuerst einmal schlucken, da Sie unsere schlimmsten Befürchtungen so ungefiltert bestätigen …

Dirk Müller:
Ja, es wird kommen. Und die Frage ist nicht ob, sondern wann. Man wird es medial entsprechend vorbereiten. Die Menschen werden es dann auch wollen und sogar gut finden. Natürlich wird es auch gewisse Bequemlichkeiten mit sich bringen. Ich bin aber gespannt, wie die Politiker dann ihre Bordellbesuche mit Kreditkarte bezahlen …
Wir wollen alle immer wieder einmal etwas in bar bezahlen, ohne daß die Daten hinterlegt sind. Nicht weil es kriminell ist, sondern weil es schlichtweg niemanden etwas angeht. Aber natürlich hat das Ganze noch eine andere Konsequenz: Wer keinen Zugang zu diesen elektronischen Zahlungsmöglichkeiten hat, ist schlichtweg nicht mehr lebensfähig. Das bedeutet, daß der Staat, der Bankendienstleister – wer auch immer – mit einem Knopfdruck einen unliebsamen „Bürger“ vom Zahlungsverkehr ausschließen kann. Und nehmen wir nur einmal an, daß eine demokratisch gewählte Regierung – wie wir es gerade in Polen erleben – aus welchen Gründen auch immer, restriktivere Maßnahmen ergreift, dann ist der einzelne Bürger nicht mehr in der Lage, sich ein Brötchen oder eine Tageszeitung zu kaufen. Weil er keinen Zugang zu Zahlungsmittel mehr hat.
Daher sehe ich eine ganz, ganz große Gefahr für unsere Demokratie, wenn wir diese Zahlungsmittel aus dem Verkehr nehmen. Auf welche Ersatzwährungen die betroffenen Menschen dann ausweichen werden, ob auf Gold, Silber, Kupfer oder Zigarettenpackungen, das wird die Zukunft zeigen.

Damit bestätigen Sie das alte Sprichwort: Nur Bares ist Wahres. Da wir unseren Lesern gerne eine aufbauende Botschaft mit auf den Weg geben wollen, machen wir einen Schwenk für all jene, die nach einer sicheren und ökologischen Investitionsmöglichkeit suchen. Sie sind ja selbst Fonds-Manager eines Ethik-Fonds. Was ist darunter zu verstehen?

Dirk Müller:
Ich habe am 17. April 2015 meinen eigenen Aktienfonds aufgelegt. Dabei habe ich all die Sauereien, die ich bei anderen Fonds beobachtet habe, weggelassen - wie zum Beispiel die Wertpapierleihe. Die meisten Anleger haben keine Ahnung, wie sich ihr Fond zusammensetzt. Es ist zwar kein reiner Ethik-Fonds, aber ich möchte alle ethischen Aspekte berücksichtigen. Dazu gehört, all jene Firmen zu vermeiden, die dieser Vorstellung nicht entsprechen. Ich möchte keine Deutsche Bank und kein Monsanto dabeihaben. Und ich möchte Einfluß nehmen können auf die Art, wie bei den Aktienunternehmen gewirtschaftet wird.
Durch meine Tätigkeit als Chairmen für faire Finanzen des „Diplomatic Council“ (einem Zusammenschluß von internationalen Diplomaten, die eine Zeit lang in Deutschland tätig waren)  habe ich mich lange mit dem Thema finanzielle Gerechtigkeit befaßt. Vor allem eigentümergeführte oder familiengeführte Unternehmen entsprechen diesem Modell. Man kommt seiner Verantwortung für die Gesellschaft nach, indem der Unternehmer sagt: „Ich möchte zwar Geld verdienen, aber es geht dabei nicht um die schnelle und maximale Rendite. Denn ich möchte auch meine Mitarbeiter fair bezahlen und mein Umfeld anständig behandeln. Und natürlich auch die Umwelt.“ Daher ist das eigentümergeführte Unternehmen gar nicht unser Problem. Vielmehr sind das die kapitalgeführten Unternehmen, bei denen der CEO (der geschäftsführende Vorstand) als „Durchlauferhitzer“ fungiert und glaubt, maximal seinem Arbeitgeber, nämlich dem Kapital verpflichtet zu sein. Und um diesem gerecht zu werden, wird der Profit in den Vordergrund gestellt, die Mitarbeiter werden gedrückt und die Umwelt nicht entsprechend berücksichtigt.
Hinter dem steht der Fondsmanager, der ja das Geld der ganzen Menschen verwaltet. Das sind wenige tausend Personen auf der ganzen Welt, die über Billionensummen der Anleger verfügen, der eigentlichen Geldbesitzer bzw. Eigentümer. Und die Fondsmanager machen entsprechend Druck auf die CEOs.
Ich bin selbst Fondsmanager und weiß: „Eigentum verpflichtet.“ Ich kenne viele unserer Investoren persönlich – vom kleinen Sparer, der 25 Euro bei uns anlegt, bis zum Millioneninvestor. Und alle die ich kenne, möchten natürlich Geld verdienen. Doch nicht um jeden Preis! Und genau hier setzen wir an.
Mit dem „Diplomatic Council“ und dem „Fair Finance Projekt“ möchten wir eine Schnittstelle bilden und die Fondsmanager motivieren, nicht nur auf die Rendite zu achten, sondern ihre geballte Finanzmacht zu nutzen, um im Rahmen ihrer Möglichkeiten positiv auf die Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit einzuwirken. Denn wenn Unternehmen dabei sind, bei denen Handlungsbedarf besteht, kann der Fondsmanager Einfluß nehmen. Er kann die Unternehmen kontaktieren und entsprechende Verbesserungen einfordern. Wie etwa bei den Sozial- oder Umweltstandards.
Damit wollen wir bei den Geldverwaltern ein Bewußtsein schaffen, daß sie nicht nur für die Rendite zuständig sind, sondern die einzelnen Unternehmen positiv in Richtung Fairness beeinflussen können. Natürlich muß dann alles auch umsetzbar sein. Denn obwohl auch ich mein Utopia habe, bin ich doch Realist und weiß, daß viele kleine, machbare Schritte notwendig sind, um uns dem großen Ziel näherzubringen.

Lieber Herr Müller, herzlichen Dank für Ihre klaren und aufrichtigen Worte. Am 9. April werden Sie in Heidelberg sein und Ihren Fonds vorstellen. Wir freuen uns darauf, Sie dort zu sehen.

Das Interview führte: Michael Hoppe

 

Weitere Informationen
zum Dirk Müller Premium
Aktien Fonds (WKN: A111ZF)
und zum Anleger-Kongress 2016
am 9. April 2016 im Heidelberger Schloß
unter www.cashkurs.com

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