ÄNDERN KANN MAN NUR DIE ZUKUNFT – Interview mit dem Bestsellerautor Andreas Eschbach

Heureka! Endlich ist es mir gelungen, einen meiner absoluten Lieblingsautoren für ein NATURSCHECK-Interview zu gewinnen – Andreas Eschbach. Mit Romanen wie „Das Jesus Video“, „Eine Billion Dollar“, „Ausgebrannt“ oder „Ein König für Deutschland“ hat sich der gebürtige Ulmer längst in der deutschen Autorenelite etabliert. Seitdem warte ich jedes Jahr auf die nächste Neuerscheinung - in der Gewißheit, daß diese nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch einen visionären Blick auf ein gesellschaftliches Thema bereithält.

Andreas Eschbach studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete als Softwareentwickler und Unternehmer. Seit 2003 lebt er in der Bretagne und tut das, was sich viele Autoren erträumen: Er schreibt jedes Jahr ein oder zwei Bücher – und wird gelesen!

Anfänglich waren es Science-Fiction-Geschichten wie „Die Haarteppichknüpfer“ oder „Solarstation“, mit denen er zahlreiche Literaturpreise gewann. Inzwischen liefert uns Andreas Eschbach literarische Hintergrundinformationen über die technische und gesellschaftliche Entwicklung auf unserem Planeten.

Sein Bestseller „Das Jesus Video“, der sich mit dem Thema „Zeitreisen“ befaßt, wurde 2002 verfilmt und 2016 mit dem außergewöhnlichen Werk „Der Jesus-Deal“ fortgesetzt. In diesem Roman geht es um fundamentalistische Christen in den USA, die davon überzeugt sind, daß wir einen Dritten Weltkrieg benötigen, damit Jesus Christus aufersteht und alle Christen in das ersehnte Paradies führt. Was wie eine Utopie klingt, wird in den USA tatsächlich von Millionen Menschen „geglaubt“. Beginnen wir mit diesem Buch … 


Lieber Herr Eschbach, in Ihrem Buch „Der Jesus-Deal“ stellen Sie eine provokante Frage:
Wenn Sie mit einer Zeitmaschine in die Zeit von Jesu Kreuzigung reisen könnten - würden Sie versuchen, ihn zu retten?“ Wie beantworten Sie persönlich diese Frage?

Andreas Eschbach:
Ganz einfach: Mit „Ja, klar“. Eine Kreuzigung ist eine der grausamsten Methoden, einen Menschen zu Tode zu bringen, und es sollte eigentlich selbstverständlich sein, daß man alles tut, um jemandem dieses Schicksal zu ersparen.


Nun könnte man hinzufügen: Außer man glaubt, daß diese Kreuzigung „gottgewollt und notwendig“ ist, um der Menschheit ihre Sünden „abzunehmen“. Was ja auch heute noch Kern des christlichen Glaubens ist … Frage zwei: Was würde sich ändern, wenn wir die Vergangenheit verändern könnten?

Andreas Eschbach:
Das ist, als frage man, wie ein viereckiger Kreis aussieht. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, das ist geradezu die Definition von Vergangenheit. Ändern kann man nur die Zukunft, durch das, was man in der Gegenwart tut oder läßt.
Zeitreisen sind nur ein literarisches Vehikel, ein Spiel der Phantasie. Und es gibt die Idee der Zeitreise überhaupt nur, weil wir uns die Zeit als Dimension denken. Was es tatsächlich gibt, ist nur eine sich ständig wandelnde Gegenwart – und Erinnerungen an frühere Zustände dieser Gegenwart.


In Ihrem Buch „Der Jesus-Deal“ ermöglichen Sie Ihren Lesern einen interessanten Einblick in die amerikanische Glaubensgesellschaft. Angeblich sind inzwischen über 40 % der Amerikaner sogenannte Kreationisten. Man nimmt die Bibel wörtlich, zweifelt die Evolution an und geht davon aus, daß die Erde erst seit 7000 Jahren existiert. Jeder Gegenbeweis wird als luziferisches Ablenkungsmanöver betrachtet. Ist das nicht ein Rückschritt in den blinden Glauben des Mittelalters?

Andreas Eschbach:
Ich bezweifle, daß der Glaube des Mittelalters überhaupt so blind war; es ist in der Geschichte selten so intelligent nachgedacht und argumentiert worden wie zu Zeiten Thomas von Aquins. Verglichen damit ist die Weltsicht dieser fundamentalistischen Kreise reine Steinzeit.


Wohin wird uns dieser amerikanische Glaubensfundamentalismus führen?

Andreas Eschbach:
Darüber nachzudenken ist Stoff für Albträume. Daß diese Leute einen Dritten Weltkrieg erwarten, ja, erhoffen, damit Jesus wiederkehrt, das habe ich ja nicht erfunden. So ticken die tatsächlich. Und einer von ihnen ist gerade Vizepräsident.


In Ihrem Buch „Ausgebrannt“ thematisieren Sie unseren aktuellen Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen. Mit dem Resultat, daß es vor allem in den USA große Unruhen geben wird, wenn die Erdölquellen plötzlich versiegen. Bürgerkrieg, Verteilungskämpfe, etc. Deutschland kommt relativ glimpflich davon. Das Buch stammt aus dem Jahre 2007. Von Ölkrise ist derzeit wenig zu spüren. Und in den USA wird durch Fracking zusätzliches Öl gewonnen. Wie sehen Sie die globale Situation heute?

Andreas Eschbach:
Grundsätzlich muß man sehen, was Fracking ist: Eine technische Antwort auf das Zuendegehen der Ressourcen, das darin besteht, mit viel Aufwand sozusagen „die Reste aus den Ritzen zu kratzen“. Das ist wie bei einem Nutella-Glas: Wenn man es frisch aufmacht, kann man das Zeug bequem und dick mit dem Löffel herausschaffen. Aber je mehr der Vorrat zur Neige geht, desto mehr muß man schaben und kratzen, und desto länger dauert es, bis man genug für ein Brot beisammen hat – und irgendwann ist schlagartig Schluß.

Genauso kann es beim Fracking laufen. Mal ganz davon abgesehen, daß die eingesetzten Verfahren noch größere Umweltsauereien sind, als es Ölförderung ohnehin schon immer war.

Außerdem habe ich mit einem gewissen Grusel gelesen, daß die amerikanische Frackingwirtschaft ein quasi undurchsichtiges Geflecht von Firmen sein soll; man weiß nicht so genau, welche Firmen da wem gehören und welche davon nur auf Pump laufen – gut möglich also, daß bei der nächsten großen Finanzkrise plötzlich von heute auf morgen Schluß ist mit dem reichlich fließenden Öl, weil die Firmen schlagartig Pleite gehen.
Ganz allgemein sehe ich uns heute kurz vor dem Punkt, an dem die Kurven, die damals in dem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ publiziert wurden, ins Kippen geraten. Und zwar die Kurven des Standardszenarios mit der Prämisse „wenn nichts geschieht, dann geht es so weiter“. Denn: Es ist ja nichts geschehen; wir haben in den 46 Jahren seither nur viel darüber geredet, was geschehen müßte.

Man behauptet gern, der „Club of Rome“ habe vorhergesagt, daß uns bis zum Jahr 2000 die Ressourcen ausgehen, und dann sei es nicht passiert. Aber das stimmt gar nicht. Die Studie von Meadows und Forrester hat einen starken Anstieg des allgemeinen Wohlstands weit über das Jahr 2000 hinaus prognostiziert. Der Punkt, an dem das System kippt, liegt erst irgendwo in der Gegend des Jahrs 2020 bis 2025. Und da wir uns diesem Zeitraum nähern, kann es gut sein, daß all das, was wir gerade als einzelne negative Entwicklungen wahrnehmen, in Wirklichkeit eine gemeinsame Ursache hat, nämlich, daß uns die Welt zu eng wird.


In Ihrem Buch „Eine Billion Dollar“ (2001) erbt ein naiver junger Amerikaner ein sagenhaftes Vermögen. Seine Vorfahren hatten im 16. Jahrhundert Geld angelegt, das sich durch Zins und Zinseszins vermillionenfacht hat. Was tun, wenn man über Nacht zum reichsten Menschen des Planeten wird? Und wie funktioniert unser Geldsystem hinter den Kulissen? Was ist für Sie die Quintessenz von „Eine Billion Dollar“?

Andreas Eschbach:
Wenn ich das sagen könnte, hätte ich nicht fast tausend Seiten schreiben müssen … Im Grunde ist das Buch der Versuch, meiner Verblüffung darüber Ausdruck zu verleihen, daß etwas, das unser Leben so sehr bestimmt wie das Geld, eine zu 100 % menschengemachte Sache ist – und wir sie trotzdem nicht verstehen!


Eine Frage, die ich mir beim Lesen Ihres Romans oft gestellt habe: Warum haben Sie das viele Geld nicht einem etwas klügeren Menschen in die Hände gegeben?

Andreas Eschbach:
Weil es dann ein schrecklich langweiliges Buch geworden wäre! Eigentlich ist ja das Geld selber die Hauptfigur in diesem Roman. Und es ging mir nicht darum, zu erklären, wie es funktioniert - denn wie es funktioniert, will ich ja, indem ich diesen Roman schreibe, selber verstehen. Also, sagen wir, es ging mir darum, zu erforschen, wie Geld funktioniert, und zwar abseits von allen ökonomischen Theorien, konkret und sinnlich erfahrbar sozusagen.

Und dazu war es nötig, daß jemand ganz naiv an die Sache herangeht. Denn, mal ehrlich: Wir sind doch alle kaum weniger naiv als meine Romanfigur John Fontanelli, wenn es ums Geld geht. Und nur die paar Wenigen, die die Spielregeln kennen – oder sie machen – sind es, die die Welt regieren.


Da haben Sie natürlich absolut Recht! Apropos regieren! In Ihrem Kult-Buch „Ein König für Deutschland“ (2009) geht es ebenfalls um ein sehr aktuelles Thema. Mithilfe eines Computerprogramms können Wahlmaschinen manipuliert werden. Da alle von der Unfehlbarkeit der Technik überzeugt sind, hat Ihr Protagonist Simon König plötzlich die Möglichkeit, sich zum König von Deutschland krönen zu lassen.
Was wie Science Fiction klingt, ist äußerst zeitgemäß. Gerade wurde bekannt, daß Facebook Millionen von Nutzerdaten an Datenverarbeitungsfirmen weitergegeben hat, um damit die Präsidentschaftswahl zu beeinflussen. Und die Wahlmaschinen werden schon lange als Sicherheitsrisiko eingestuft, da sich die Wahlergebnisse oft nicht mit den Befragungen vor den Wahllokalen decken. Wie sehen Sie die Situation rund um die heutigen Wahlen?

Andreas Eschbach:
Da muß man schon unterscheiden. Versuche, Wahlen zu beeinflussen, gibt es, seit es Wahlen gibt – Wahlplakate und Luftballons in Parteifarben sind auch nichts anderes. Und ob Daten zur direkten Ansprache von Wählern von Facebook kommen oder von der NSA, ist auch erst mal zweitrangig.

Wahlmaschinen aber, und erst recht Wahlcomputer, sind Geräte, die dazu einladen, den in einer Wahl geäußerten Wählerwillen komplett zu ignorieren und durch ein fiktives Ergebnis zu ersetzen, und zwar schnell und einfach. Es sind schlicht für den Zweck von Wahlen ungeeignete Geräte, so ungeeignet wie ein Hammer fürs Kuchenbacken.


Und dennoch werden Sie eingesetzt … Zum Abschluß noch eine Frage zum Schriftstellerleben. Auf Ihrer Internetseite räumen Sie mit einigen Mythen rund um die Schriftstellerei auf. Nämlich, daß Autoren reich und berühmt werden und ein aufregendes Leben führen. Der Beruf ist ein oft hartes Brot. Weniger als 100 Autoren in Deutschland können vom Schreiben leben. Was treibt Sie dennoch an, sich mit Leib und Seele der Schriftstellerei zu widmen?

Andreas Eschbach:
Nun ja, erst mal bin ich ja einer von diesen 100, kann mich also nicht beschweren. Und davon abgesehen kann man sich seine Leidenschaft nicht aussuchen. Ich habe lange versucht, etwas anderes zu machen, als zu schreiben. Aber ich hatte dabei immer das Gefühl, mein Leben zu verschwenden. Also, was soll ich anderes tun?


Meine Antwort würde lauten: Machen Sie weiter so!
Lieber Herr Eschbach, herzlichen Dank dafür, daß Sie unser Interview noch „auf den letzten Drücker“ verwirklichen konnten, da ja die Abgabe Ihres neuen Buchmanuskriptes ansteht, auf das wir schon gespannt sind. Und ebenso herzlichen Dank für Ihre spannenden Bücher!


Das Interview führte
Michael Hoppe


Foto - Robert Kneschke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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