Neue Helden braucht das Land – Über Weicheier, Warmduscher und andere Erziehungsmodelle

Hast du den Ruf an dich bereits vernommen? Hat das Leben bei dir angeklopft und dich an deine Aufgabe erinnert? Weißt du, aus welchem Grund du auf dieser Erde bist, jetzt und in dieser Zeit? Oder bist du Muttis Rat gefolgt, hast dich immer schön warm angezogen - und schaust nun zu, wie das Leben an dir vorüberzieht?

 

 

 

 

 

Für die Menschen früherer Hochkulturen war das Leben ein Abenteuer. Man war sich sicher: Alles hat einen tieferen Sinn. Jeder Mensch hat seine Bestimmung und besitzt Anlagen und Fähigkeiten, die für das große Ganze von Bedeutung sind. Eltern haben ihre Kinder auf diesen „Ernst des Lebens“ vorbereitet und sie irgendwann hinausgeschickt auf ihre ganz persönliche Heldenreise. Denn nur im Erleben lernt der Mensch und entwickelt sich weiter. Das Erlebte und Erlernte wurde dann wieder in die Gemeinschaft eingebracht, so daß letztlich alle von den „Heldentaten“ des Einzelnen profitierten ...

Was ist davon geblieben in unserer weichgespülten Wohlstandgesellschaft? Wo sind die Vorbilder und Rituale, die den nachfolgenden Generationen den „Helden-Weg“ weisen? Heute wimmelt es von Intellektuellen und Lebenstheoretikern, deren vordringlichstes Ziel es ist, allen Schwierigkeiten und realen Erlebnissen bestmöglich aus dem Wege zu gehen. Das Heldentum ist dem „Maulheldentum“ gewichen, und Konflikte sind dazu da, vermieden und zerredet zu werden. Neue Helden braucht das Land!
 

Der Monomythos der Heldenreise

Der amerikanische Forscher Joseph Campbell entdeckte vor einigen Jahren, daß den mythologischen Heldengeschichten aller Kulturen eine einheitliche Struktur zugrundeliegt. Symbolisieren diese doch – auf metaphorische Weise – unseren menschlichen Umgang mit Problemen und Konflikten. So ähneln sich die Heldenreisen des griechischen Odysseus oder Herakles, des Hobbits Frodo Beutlin oder des altgermanischen Siegfried ebenso wie die diversen Heldengeschichten der Gegenwart:

Wann immer Menschen sich auf den Weg machen, ihre Komfortzone verlassen, dabei ihre Ängste und den „inneren Schweinehund“ überwinden, vor bedrohlichen Situationen nicht zurückweichen, sondern durchhalten und Lösungen suchen, dann wachsen sie über sich hinaus. Sie werden zu Helden!
Bisweilen geschehen dabei sogar „Wunder“ in Form von Hilfen, mit denen niemand gerechnet hat. Verborgene Fähigkeiten erwachen. Man wächst an den Aufgaben. Aus theoretischem Wissen wird im Erleben die vielgepriesene Weisheit. Der Weg des Helden ist immer ein Praxisweg!

Wer hingegen in der warmen Stube sitzenbleibt und nur den Weg des geringsten Widerstandes geht, dem bleiben diese Wunder verborgen. Er wird träge, antriebslos, unselbständig und sicherheitsbedürftig. Bis er irgendwann zu der Überzeugung kommt, daß alle anderen, nur nicht er selbst für sein Schicksal verantwortlich ist.

Die Ähnlichkeit der vielen globalen Heldengeschichten beruht vor allem auf der Tatsache, daß wir Menschen in Krisensituationen nahezu identisch reagieren. Im Grunde kennen wir nur drei Reaktionsmuster, wenn uns Gefahr droht:
Entweder reagieren wir mit dem sogenannten „Totstellreflex“ und versuchen uns zu verbergen und unsichtbar zu machen. In der Hoffnung, vom Feind übersehen und damit verschont zu werden. Tun wir das zu oft, wird es zur Gewohnheit. Wir weichen allen Konfrontationen aus, schrumpfen und werden zu Zwergen. Die Folge sind Depressionen aller Art und die Unfähigkeit, sich aus dieser selbstgewählten Erstarrung wieder zu lösen.
Die zweite Variante ist der „Fluchtreflex“ - dem vor allem Männer folgen, wenn ein „gefährlicher Dialog“ mit der Partnerin ansteht. In bedrohlichen Situationen nehmen wir automatisch die Beine in die Hand und suchen das Weite. Wobei Flucht natürlich auch eine sehr sinnvolle Reaktion sein kann, vor allem, wenn uns tatsächlich einmal der Himmel auf den Kopf zu fallen droht. Flüchten wir jedoch grundsätzlich, dann werden die Monster mit jeder Begegnung größer und wir selbst immer kleiner, mutloser, handlungsunfähiger. Dazu gehört übrigens auch die heute so verbreitete „Flucht in virtuelle Computer-Welten“.
Die dritte Variante ist der „Kampfreflex“. Wir stellen uns nicht tot, fliehen auch nicht, sondern konfrontieren uns mit der Gefahr. Wir schauen ihr ins Auge und versuchen ihr standzuhalten. Je öfter wir dies tun, desto „kampferprobter“ werden wir. Und vielleicht erkennen wir dabei sogar, daß die Gefahr gar nicht so groß ist oder überhaupt nicht existiert. So werden Helden geboren.
 

Über Weicheier und Warmduscher

Sich dem Leben und den „Gefahren des Lebens“ zu stellen, ist die fundamentalste Grundlage für die eigene Weiterentwicklung. Dazu muß man kein Kamikaze sein, der ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springt. Es genügt, Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen und nicht immer zwischen Totstellen und Flucht hin- und herzupendeln. Die Begriffe „Selbstdisziplin“ und „Selbstüberwindung“ spielen dabei eine wichtige Rolle.
Denn wie kann ich über mich selbst hinauswachsen, wenn ich das alte (begrenzte) Selbst nicht regelmäßig ausdehne und die Gewohnheitshüllen sprenge? Wie kann ich wachsen, wenn ich nicht „erwachsen“ werden will? Wie kann ich überhaupt glauben, daß ohne eigenen Energieeinsatz ein befriedigendes Resultat möglich sei? Fühlen wir uns nicht dann am besten, wenn wir mutig sind und etwas geleistet haben für das, was wir vom Leben erhalten? Ist der bequeme Weg wirklich der Königsweg?

In unserer Konsum- und Wohlstandsgesellschaft sind „Anstrengungen“ jeglicher Art inzwischen verpönt. Es soll alles locker und problemlos vonstatten gehen und – wenn möglich – von anderen erledigt werden. „Sie haben es sich verdient“ ist die Devise. Und für alle Entscheidungen gibt es ein „Rückgaberecht“. Die Folge ist eine große Zahl unselbständiger, unreifer Menschen, die vor jeder „Gefahr“ zurückschrecken und die Verantwortung für ihr Leben konsequent abgeben.

Wie aber soll ein Junge zum Mann reifen, wenn ihm Mami mit 30 noch die Wäsche bügelt, ihm das Pausenbrot in die Uni bringt und auch sonst alles tut, um den lieben Bubi vor allen „Gefahren“ zu schützen? Wie soll er die „Wahrheit“ herausfinden, daß das Leben für ihn zwar ein Zuckerschlecken ist, daß zu viel Zucker jedoch fett macht und die Zähne zerfrißt?
Früher haben die Indianer ihre Heranwachsenden sechs Wochen allein in die Wildnis geschickt: Damit sie etwas erleben, sich beweisen, heranreifen und sich „einen neuen Namen“ machen. Damit sie sich abnabeln und selbständig werden. Damit sie erkennen, daß sie auch als Individuum überlebensfähig sein. Heute traut man dem Muttersöhnchen noch nicht einmal zu, daß er weiß, wie man eine Waschmaschine bedient. Er könnte sich dabei ja in „Todesgefahr“ begeben und sich den Finger einklemmen …

Das erste, was viele Jugendliche heutzutage von ihren Helikoptereltern lernen, sind nicht die Rüstzeuge für das Leben wie Mut, Fleiß, Pflichtbewußtsein oder Charakterstärke, sondern die mannigfaltigen Rechte, die sie angeblich in unserer Gesellschaft haben. Um die Pflichten sollen sich gefälligst die anderen kümmern. Eine befreunde Sportlehrerin berichtet über 14jährige Schüler, die zu weinen beginnen, wenn sie ihnen beim Sportunterricht einmal etwas fester den Arm hält, damit sie nicht vom Sportgerät fallen. Da wird dann sofort das Gesetzbuch gezückt und mit Anzeige gedroht. Und Mama und Papa stehen natürlich prompt am nächsten Morgen auf der Matte, um den „kleinen Helden“ beizustehen.
Nicht nur, daß viele Eltern ihren Kindern nichts mehr zutrauen - sie muten ihnen auch nichts mehr zu und erziehen sie zu den sprichwörtlichen „Weicheiern und Warmduschern“, die heute die westliche Wohlstandswelt bevölkern. Müde, früh gebeugte Grisgrame, denen ständig etwas weh tut und denen alles viel zu anstrengend ist. Fällt etwas schwer, wird es eben seingelassen. Gelingt etwas nicht sofort, gibt man auf. Der Papa wird´s schon richten und die Mama den Müll wegräumen. Und das tun sie natürlich auch.

Aus falschverstandener Elternliebe strebt man heute nicht mehr danach, seinen Kindern Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin beizubringen, sondern man dreht die Realität einfach um. Aus charakterlichen Schwächen wird eine Tugend oder ein Persönlichkeitsrecht gemacht. So haben inzwischen auch der „Warmduscher“ und das „Weichei“ in unserer Gesellschaft ihre Lobby. Und wehe, man tritt ihnen zu nahe, indem man sie zum Handeln oder gar zur Veränderung motiviert. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn wir einem 100 Kilo schweren Zehnjährigen sagen würden, er solle Sport treiben oder weniger Schokolade essen. Das wäre keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern „Mobbing“ der übelsten Art …  
 

Erwachsenwerden als Heldenreise

Eine Gesellschaft lebt immer von den Vorbildern, die man ihr präsentiert. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen die gesellschaftlichen Heldenideale völlig „entartet“ waren. Heute muß kein deutsches Kind mehr „hart wie Kruppstahl oder zäh wie Leder“ sein. Keiner wird mehr in „Umerziehungslagern“ dazu gezwungen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten oder sich für politische Ideologien zu opfern. Aber ebensowenig bringt es uns weiter, wenn wir unsere eigenen Schwächen zum neuen Erziehungsideal erheben. Wenn Kinder verhätschelt und getätschelt werden, vergöttert und verwöhnt, und ihnen von Eltern und Großeltern alle vermeintlichen Schwierigkeiten „abgenommen“ werden. Zahlreiche Gesellschaftsforscher prophezeien ein Heer von Narzissten und lebensunfähigen Dauerteenagern …

Die alten Heldengeschichten sind natürlich nicht eins zu eins auf unsere heutige Zeit übertragbar. Dennoch liefern sie viele Anhaltspunkte, sowohl für die Kindeserziehung als auch für all jene, die endlich erwachsen werden wollen. Anstatt virtuellen „Pokémonstern“ hinterherzulaufen oder den ganzen Tag vor der Glotze zu hocken, wäre das wirkliche Erleben sicher ein erster Schritt. Es müssen ja nicht gleich sechs Wochen allein im Wald sein. Manchmal tun es ja auch schon echte Abenteuer wie kalt zu duschen, den weichen Sessel gegen ein Fahrrad zu tauschen, sich nicht vor Regen zu fürchten, gelegentlich auch mal einen Schmerz auszuhalten, auch Dinge zu tun, die einem keinen Spaß machen, einen Tag zu fasten, einem Sportverein beizutreten, den Waldkindergarten zu besuchen, einen Kampfsport zu erlernen, das Mobiltelefon auszuschalten …  und vor allem: nicht immer sofort aufzugeben, wenn etwas nicht gleich gelingt.

Je früher wir lernen, daß das Leben ein Abenteuer ist und wir an Konflikten und Schwierigkeiten reifen, desto mutiger werden wir ihnen entgegentreten. Je häufiger wir uns selbst überwinden, desto mehr Selbstvertrauen erwächst in uns. Anstatt uns also bei jeder drohenden Gefahr „totzustellen“ (und Mama die Arbeit zu überlassen) oder permanent in virtuelle Scheinwelten zu flüchten - nehmen wir den Lebenskampf doch einfach an! Es gibt vieles, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Überall warten Herkulesaufgaben, die unbedingt bewältigt werden müssen. Und außer uns ist keiner da, der sie erledigen kann.

Deshalb nehmen wir uns doch wieder die Helden zum Vorbild, erheben unseren Hintern vom bequemen Sofa und machen uns auf die Reise. Und vielleicht wird daraus unsere ganz persönliche Heldenreise!

Autor: Michael Hoppe

 

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