BUCHTIPP - DER CIRCLE von Dave Eggers

29. August 2017

DER CIRCLE stand wochenlang auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste. Wer das Buch liest, fühlt sich unweigerlich an Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ erinnert. Der visionäre Roman handelt vom gegenwärtigen Vernetzungs- und Gleichschaltungswahn, dem man sich kaum noch entziehen kann. Alle Menschen sind virtuelle  „Internet-Friends“, die sich über Likes und Dislikes definieren. Transparenz ist das Gebot der Stunde. Privatleben gibt es nicht mehr. Und alle sind glücklich – bis zum bitteren Ende! 

 

 

 

 

„Wahnsinn“, denkt Mae. „Ich bin im Himmel.“ Obwohl sie aus der Provinz kommt, hat die junge Universitätsabsolventin Mae Holland auf Empfehlung einer Freundin einen Job bei der angesagtesten aller Internetfirmen ergattert – beim CIRCLE. Das innovative Unternehmen mit Sitz in Kalifornien hat es geschafft, die bekannten Google, Facebook, Twitter & Co. zu schlucken, indem sie alle User mit einer einzigen Internetidentität ausgestattet hat. Schluß mit hunderten von Paßwörtern und zahllosen Web-Schein-Identitäten. Völlige Transparenz ist Trumpf. Und das bietet nur der CIRCLE.

Das Unternehmen erweist sich in jeder Hinsicht als vorbildlich. Hypermoderne Technik. Arbeit in kleinen Gruppen. Permanente Optimierung aller relevanten Arbeitsschritte. Auf dem riesigen Firmengelände werden die Mitarbeiter von Sterneköchen bekocht, und bekannte Rockstars geben Gratiskonzerte. Jeden Abend finden coole Partys statt, und alle Mitarbeiter sind miteinander vernetzt. Es wimmelt von jungen Genies, und überall herrscht ausgelassene Stimmung.

Mae stürzt sich voller Begeisterung in ihre Arbeit. Nach ein paar Startschwierigkeiten steigt sie bald auf und wird zur Vorzeigemitarbeiterin. Mit jeder Stufe, die sie erklimmt, kommt auf ihrem Schreibtisch ein weiterer Bildschirm hinzu. Der erste dient dem Kontakt zum Kunden. Der zweite dem Kontakt zu den Führungskräften. Ein weiterer der Optimierung der eigenen Arbeit. Ein vierter soll das innere Netzwerk der CIRCLE-Mitarbeiter abbilden, da viele „Kollegen“ Projekte initiieren, an denen man unbedingt teilnehmen sollte. Und wehe, Mails werden nicht innerhalb von Sekunden beantwortet. Der fünfte, sechste, siebte Bildschirm letztlich … Lesen Sie das Buch am besten selbst!

Mae meistert auch das von ihr geforderte Multitasking. Daß dabei keine Zeit mehr für Privatleben bleibt, kompensiert die gute Stimmung auf dem CIRCLE-Gelände. Wozu dieses also noch verlassen? Schließlich schlägt Mae der Firmenleitung das Projekt „völlige Transparenz“ vor. Sie trägt ab jetzt eine Körperkamera, filmt alles, was sie tut, und ihre Millionen „Follower“ können nun ihren kompletten Tagesablauf live verfolgen. Andere tun es ihr nach. Man fordert, daß alle Politiker ebensolche Kameras tragen sollen. Wer nicht mitzieht, gilt als potentiell korrupt. So nimmt die Entstehung einer völlig transparenten Welt, in der Privates „Diebstahl an der Gemeinschaft“ ist, ihren Lauf.

Das vielleicht Auffallendste an dem sehr realitätsnahen und gleichzeitig zutiefst visionären Roman DER CIRCLE ist die Tatsache, daß alle Protagonisten aus sehr rationalen und teilweise auch sehr vernünftigen Gründen handeln. Alle CIRCLE Mitarbeiter sind ganz normale, sympathische und keineswegs „böse“ Menschen. Jede Weiterentwicklung in Richtung totale gegenseitige Überwachung löst ein real existierendes Problem. Alles folgt einer fast unausweichlichen Eigendynamik. Wer nicht mitmacht, wird ganz unweigerlich zum Außenseiter. Und irgendwann gibt es keinen „unvernetzten“ und unbeobachteten Ort mehr, an den man sich noch zurückziehen könnte.

Wir erleben heute viele Vorläufer dieser CIRCLE-Welt. Wenn z. B. Menschen ihr Essen lieber fotografieren und mit der virtuellen Community teilen, anstatt es genüßlich mit ihren realen Tischgenossen zu essen. Wenn ein Teil der Aufmerksamkeit immer im virtuellen Nirwana weilt. Oder wenn völlig unbekannte, virtuelle „Friends“ den Kontakt zu wirklichen, lebendigen Menschen ersetzen.
Die FAZ schrieb über den Bestseller: „Das Leben vor der Lektüre des CIRCLE ist ein anderes als das danach. Überall meint man Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit zu finden.“

Unser Fazit: Absolut lesenswert!  

Autor: Michael Hoppe

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