BUCHTIPP: ZERO – Sie wissen, was du tust

21. Juni 2017

Marc Elsner entwickelt sich immer mehr zu dem deutschsprachigen „Roman-Visionär“ der Gegenwart. Nach seinem Bestseller BLACKOUT, in welchem er die Folgen eines europaweiten Stromausfalls thematisierte, legte er 2014 mit ZERO nach. Auch hier verarbeitete er wissenschaftliche Erkenntnisse und tatsächliche Begebenheiten mit fiktiven Charakteren zu einer spannenden und äußerst aktuellen Geschichte! Im Mittelpunkt steht dabei die Manipulation der Smartphone-Generation durch die sozialen Netzwerke. Oder besser gesagt, durch jene, die sie steuern.

 

 

 

Die Fiktion

Bei einer Verfolgungsjagd in London wird ein Jugendlicher erschossen. Sein Tod führt die Journalistin Cynthia Bonsant zu der gefeierten Internetplattform „Freemee“. Diese sammelt und analysiert Daten – und verspricht dadurch ihren Millionen „Usern“ ein besseres Leben und mehr Erfolg.
Und tatsächlich: wer die individualisierten „Beratungs-Apps“ nutzt, macht einen sichtbaren Entwicklungssprung. Bei vielen Jugendlichen verbessern sich die Zensuren. Mauerblümchen lernen, sich vorteilhafter zu präsentieren. Stubenhocker beginnen, mutiger zu werden. Und nach und nach werden die Freemee-Apps in allen Lebenslagen zu Rate gezogen.
Motiviert werden die User durch ein globales „ManRanking“, also einer Bewertungsliste aller Menschen auf diesem Planeten, die anhand eines Punktesystems ermittelt wird. Wer die meisten Punkte hat, ist ganz oben. Die anderen können sich nach oben arbeiten, wenn sie die in den Apps vorgeschlagenen Optimierungen durchführen. Wie die Punkte verteilt werden, berechnet ein Algorithmus.

Was auf den ersten Blick gar nicht so übel klingt, nämlich einen virtuellen Coach und Motivationstrainer dabeizuhaben, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht und immer eine kluge Lösung parat hält, zeigt jedoch irgendwann seine Schattenseiten. Denn je abhängiger die User vom Ratschlag der „Freemee-Apps“ werden, desto beeinflußbarer werden sie auch. Und bisweilen auch zu mutig, was sich durch diverse Unglücksfälle in Userkreisen zeigt. Zudem beginnt der Entwickler der Apps zu „experimentieren“, um herauszufinden, wie sich die Verhaltensmuster der großen Freemee-Gemeinde in bestimmte Richtungen verändern lassen.

Ohne allzuviel vorwegzunehmen, wird in dem Thriller ZERO natürlich auch der amerikanische Geheimdienst auf die vielfältigen Möglichkeiten eines Beratungs- und Manipulationssystems wie Freemee aufmerksam. Und neben den Apps stehen diesen auch die zahllosen vernetzten technischen Einrichtungen wie Satelliten, Kameras, Computer etc. zur Verfügung.
Als Gegenpol agiert die Aufklärungsplattform ZERO - nicht zu verwechseln mit „Anonymous“ oder anderen Netzwerkaktivisten. ZERO warnt vor den Folgen der Beeinflussung der Menschen durch „die großen Kraken, die unsere Daten sammeln.“ Wird man auf ZERO hören? Um das herauszufinden, müssen Sie das Buch lesen!

Die Realität

Die deutsche Erstausgabe von ZERO erschien im Mai 2014. Zeitgleich gab das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook bekannt, daß in einem Experiment bereits 2012 heimlich die Emotionen von 800.000 Users beeinflußt worden waren, indem man ihre „Timeline“ in bestimmte Richtungen manipuliert hatte – im Prinzip genau das, was Freemee in dem Roman ZERO mit seinen Usern macht. Weitere Online-Dienste folgten mit ähnlichen Bekenntnissen.
Seit 2014 versuchen diverse Online-Dienste das Geschäftsmodell der fiktiven Romanfirma Freemee zu etablieren. Wie erfolgreich sie damit sein werden, wird uns die Zukunft zeigen.
China kündigte im Herbst 2015 die Einführung eines „Social Credit Systems“ an, mit dem die Bevölkerung des Landes nach verschiedenen Kriterien „bewertet“ werden soll.

Im US-Wahlkampf wurde Facebook und Google vorgeworfen, unter anderem „Trending Topics“ und Suchergebnisse zugunsten demokratischer Kandidaten manipuliert und so die Stimm(ung)en der Wähler beeinflußt zu haben.
Google gibt als Firmenziel an: „Wir wollen, daß Google die dritte Hälfte deines Gehirns wird.“
Angesichts derartiger Wahnsinnsvisionen sollten wir uns die zwar fiktiven, aber mahnenden Worte von ZERO zu Gemüte führen: „Die dritte Hälfte meines Gehirns? Dagegen ist Big Brother ja ein Waisenknabe! (-) Und überhaupt! Google ist dann ja nicht nur meine dritte Gehirnhälfte, sondern auch die meines Nachbarn. Und der ist ein echter Idiot! Sind wir dann alle siamesische Milliardlinge? Ich bin der Meinung, daß die großen Datenkraken zerschlagen werden müssen.“    

Wie in seinem früheren Roman BLACKOUT ist Marc Elsberg auch mit ZERO ein Zeitzeugnis gelungen, in welchem die Fiktion die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

Unser Fazit: Absolut lesenswert!   
 

 

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