Ein Schmetterling macht noch keinen Sommer

25. Juli 2016

Wer sich unsere Monokulturen genauer anschaut, stellt unweigerlich fest, daß die Schmetterlingsvielfalt leider immer mehr abnimmt. Neben Herbiziden und Pestiziden machen Schmetterlingen auch die Zerstörung ihrer ursprünglichen Lebensräume zu schaffen. Hoffnung für die fliegenden Farbtupfer in unserer Landschaft ist aber in Sicht – so setzen sich Naturschutzorganisationen mit verschiedenen Maßnahmen für die Erhaltung der Schmetterlingsvielfalt ein. Auch der Einzelne kann mit einem naturnahen Garten dazu beitragen, daß sich der Mensch weiterhin an der Schönheit von Schmetterlingen in der Natur erfreuen darf.

 

Der Mensch tanzt von Hochzeit zu Hochzeit Schmetterlinge von Blüte zu Blüte

Schmetterlinge gelten als Symbol für Ästhetik, Schönheit und Sinnlichkeit. Sie sind daher beliebte Wand- und Tischdeko-Objekte. Ein bunter Falter ziert auch so manches Schulterblatt, Fußgelenk oder Gesäß. Früher gingen Naturforscher mit Schmetterlingsnetz und Tropenhut auf Schmetterlingsjagd. Heute werden Falter zum Glück nicht mehr gefangen und grausam auf Styropor gepinnt, sondern man stellt ihnen lieber mit Digitalkamera für rein virtuelle Sammelzwecke nach. Dennoch sind mittlerweile viele einheimische Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht.

„Come my lady you' re my butterfly“ – so lautet eine Textzeile aus dem bekanntesten Song der Crossover-Band Crazy Town. Während „Butterfly“ der einzige Hit der Band war – also quasi eine „Eintagsfliege“ – erfreut sich die „Butterfliege“ (engl.: butterfly) in vielerlei Hinsicht nach wie vor großer Popularität. „Schmetterlinge sind allzeit beliebt. Ich hatte auch schon Tagpfauenaugen als Motiv“, bestätigt Heiko Bauder, Sun Dog Tattoo, Studio Stuttgart.
In der russischen Sprache gibt es sogar nur ein Wort für Seele und Schmetterling. Die Russen zelebrieren damit ein magisches Naturverständnis, das auch Raum für ästhetische Kreaturen läßt, die vermeintlich nutzlos umherflattern. Manche Menschen müssen mit Chemie bzw. Chirurgie nachhelfen, um schön auszusehen und im nächsten Schritt damit auch Geld zu verdienen. Schmetterlinge haben das nicht nötig – sie sind einfach von Natur aus schön! Schönheit liegt zugegebenermaßen im Auge des Betrachters – so gibt es auch unscheinbare grau-braune Nachtfalter oder Raupen mit unauffälligen Beige-Tönen.

Ob Schmetterlinge mit all ihren bunten Farben und ästhetischen Formen weiterhin munter umherflattern können, hängt in erster Linie vom Wohlwollen des Menschen ab. Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Abk.: BUND) sind 80 Prozent der knapp 200 einheimischen Tagfalterarten bedroht – eine alarmierende Zahl. Gibt es in unserer Landschaft tatsächlich noch Hoffnung für Aurora- und Zitronenfalter oder Trauermantel? Zahlreiche natürliche Feinde wie Laufkäfer, Spinnen, Milben, Fledermäuse, Sing- und Greifvögel, Amphibien oder Reptilien machen den Schmetterlingen das Leben schon schwer genug – der Einsatz von Chemikalien und die Zerstörung von Lebensräumen durch landwirtschaftliche Maschinen setzen den bunten „Flattermännern“ zusätzlich zu.

Monokulturen und „Chemische Keulen“ sind Gift für Falter

Unkraut-/Insektenvernichtungsmittel auf Äckern, Wiesen oder in Hausgärten, monotone Felder ohne Blütenvielfalt, verwaiste Waldraine, Flußbegradigungen oder sterile Parkanlagen tun ihr Übriges, daß natürliche „Nektar-Tankstellen“ verschwinden. Manche Schmetterlinge sind zudem Spezialisten und auf eine bestimmte Futterpflanze fixiert. Dies zeigt sich z.B. an Namen wie Rotkleebläuling, Malven-Dickkopffalter, Schlüsselblumen-Würfelfalter, Königskerzen-Mönch, Mädesüß-Perlmutterfalter oder Brombeer-Zipfelfalter. Doch wo einst eine blühende Wiese oder ein üppiger Laubwald stand, befinden sich heute vielerorts Mais-Monokulturen oder öde Agrar-Steppen. Diese eher einseitigen Landschaftsformen verjagen schon seit langem nicht nur den einst von der NDW-Band Gänsehaut besungenen Käfer Karl, sondern auch viele „Nomaden der Lüfte“ wie Distelfalter, Admiral oder Landkärtchen.

Um das Landkärtchen wäre es besonders schade. Dieser Falter erfreut unser Auge mit unterschiedlichen Outfits – so wechselt das Landkärtchen zweimal im Jahr seine „Garderobe“. Die Frühjahrsgeneration flattert in einem knalligen Orange-Ton auf dem „Blütenlaufsteg“ umher. Die   Sommergeneration wiederum macht auch im „dunklen Kleid“ neben „eitlen“ Tagpfauenaugen oder „Falter-Vagabunden“ wie Großer Schillerfalter, Kleiner Eisvogel, Kaisermantel oder Damenbrett eine gute „Figur“. Ebenfalls unschön wäre das Verschwinden des Schönbärs – einem Nachtfalter, der tagsüber aktiv ist. Eine Blumenwiese im Juli ohne farbenfrohe Widderchen wie das Blutströpfchen? Auch das mag sich kaum ein Naturfreund vorstellen!

Schutzmaßnahmen für Schmetterlinge

Naturschützer haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, um die Schmetterlingsvielfalt zu erhalten. So stellen Länder mehr Mittel für extensive Bewirtschaftung und notwendige Landschaftspflegemaßnahmen zur Verfügung, um die Artenvielfalt zu fördern. Darüber hinaus werden Landwirte, Förster und Gemeinden dazu angehalten, ökologische Ausgleichsflächen anzulegen. Eine insektenfreundliche Blumenwiese kommt nicht nur Bienen zugute – schließlich zählen Schmetterlinge ebenfalls zu wichtigen Bestäubern in einem ausbalancierten Naturkreislauf! Überdies versuchen Naturschutzorganisationen durch Aufklärungsarbeit an Schulen, Kindergärten und Vereinen die Öffentlichkeit für die Belange von Schmetterlingen zu sensibilisieren. Dazu zählen auch Tipps für einen naturnahen Garten. „Wer Schmetterlinge im Garten fotografieren will, sollte über einen Sommer-Flieder nachdenken“, empfiehlt z.B. Torsten Haag, NABU Schwäbisch Hall. Wissenschaftliche Auswertungen wie das Tagfalter-Monitoring sollen dank den technischen Möglichkeiten des Internets ebenfalls ausgebaut werden. So können inzwischen auch Laien ihre Falterfunde in Naturforen wie science4you.org oder lepiforum.de ohne großen Aufwand melden.

Wer im eigenen Garten die Metamorphose von der Raupe bis zum fertigen Falter beobachten oder Schmetterlingen dabei zusehen möchte, wie sie mit ihrem Rüssel am Nektar „naschen“, kann dies bereits mit simplen Mitteln tun. „Einfach mal ein paar Brennnesseln im Garten stehen lassen“, rät z.B. der Naturschützer und Libellenexperte Bernd Kunz aus Langenburg/Jagst.
Auch Rasenmähermuffel haben ab sofort eine Ausrede mehr – der Rasen sollte aus ökologischen Aspekten im Jahr weniger gemäht werden als normalerweise üblich, da Schmetterlinge ihre Eier auch an Grashalmen und kleinen Sträuchern ablegen! Es muß also keiner so viel Zeit aufbringen wie z.B. Jürgen Hensle aus dem badischen Eichstetten – der leidenschaftliche Lepidopterologe (lat.: Schmetterlingsforscher) pflegt in der mediterranen Kaiserstuhl-Region ehrenamtlich eine Böschung, um speziell dem Postillon geeignete Futterbiotope anbieten zu können.

Im eigenen Garten reicht eine Brennnessel aus, um Tagfaltern eine Freude zu machen. Die Brennnessel ist eine wahre Schmetterlingsweide und bietet für die Raupen von knapp 50 Schmetterlingsarten ausreichend Futter. Neben dem Kleinen Fuchs schätzen z.B. auch Admiral und Tagpfauenauge diese Futterpflanze. Gartenpflanzen wie Kugeldistel, Fetthenne, Herbstaster, Thymian, Lavendel oder Mauerpfeffer sind bei Schmetterlingen ebenfalls begehrt. Der Sommerflieder lockt vielleicht den Kolibri-Schwärmer – das Taubenschwänzchen – oder den Kleinen Perlmuttfalter an. Die Schwalbenschwanz-Raupe braucht vor allem Dill, Wilde Möhre und Fenchel. Für Allergiker weniger empfehlenswert ist allerdings das Anpflanzen von Eichen oder Roßkastanien. Diese Baumsorten ziehen Falter wie Eichenprozessions-Spinner oder Roßkastanien-Minimiermotte an, die bei klammen Stadtverwaltungen so beliebt sind wie große Löcher in der Gemeindekasse bzw. auf den Straßen.

Wer will, kann sich auch bei örtlichen Naturschutzorganisationen melden, um auf ehrenamtlicher Basis bei der Landschaftspflege zu assistieren. So helfen regelmäßig durchgeführte Landschaftspflegemaßnahmen in den Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb nicht nur geschützten Enzian- und Orchideengewächsen, sondern auch Apollo- und Segelfaltern. Es wäre für Schmetterlinge fatal, wenn einzigartige Landschaftstypen wie Wacholderheiden verloren gingen.

Wer die Schmetterlinge in all ihren Farben, Formen und Mustern liebt, kann gar nicht genug für diese „fliegenden Farbtupfer“ in unserer (grauen Industrie-)Landschaft tun. Denn die meisten von uns wissen aus der Kindheit, daß die fette Raupe Nimmersatt sich am Ende dann doch in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt, der Klein wie Groß das Herz erwärmt.

Text und Fotos:
Andreas Scholz

 

Weiterführende Informationen:
Webtipps:

Schmetterlinge online bestimmen
www.lepiforum.de

Schmetterlinge online melden
www.science4you.org

 

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