NICHTS IM LEBEN IST UNPOLITISCH - Interview mit dem Punkrocker Lars Besa

5. März 2017

Die Band NoRMAhL gilt als älteste Punkband Deutschlands. Gegründet 1978 in Winnenden, beschreiben ihre Songtexte das Lebensgefühl der 80er Jahre, als Kalter Krieg, verkrustete Strukturen und No-Future-Mentalität an der Tagesordnung waren. Lars Besa ist Kopf, Songschreiber und Sänger der Band. Die 1992 von ihm initiierte Aktion KEIN HASS IM WILDEN SÜDEN gegen Ausländerfeindlichkeit und Gewalt hat ihn über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. 

 

Das Motto von NoRMAhL:
Unsere Songs sind geschrieben für alle, die ...
... die ihr Leben fernab von Globalisierungsgeschwätz, Profitgier und Gewinnmaximierung leben wollen.
... die ihr Leben in Selbstbestimmung und Freiheit und ohne Konventionen selbst gestalten wollen.
... die ihre Ansprüche nicht auf Kosten von Menschen, Tieren oder der Natur ausleben wollen.
... die Toleranz nicht nur für sich selbst einfordern.
... die trotz Staatsterror, Repressionen und Beamtenwillkür den Spaß, die Lust am Leben und Punkrock nicht verloren haben.

Lars, wir sind einige Jahre zusammen zur Schule gegangen. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, die späten 70er- und frühen 80er-Jahre in Winnenden, dann kommen so Begriffe in mir hoch wie Null-Bock-Generation, No-Future und ähnlich Pessimistisches. Eure frühen Texte spiegeln diesen Konflikt mit der Welt und dem Establishment wider. Wie bist du Punk geworden?

Lars Besa:
Zuerst einmal: es ist sicher einfacher, als Jugendlicher NO FUTURE zu sein, als als 50jähriger. Aber du hast Recht, es war schon eine extreme Zeit, die heute teilweise verklärt wird. Nach dem Motto: es gab zwei Mächte, die für Ordnung sorgten. Aber so war es ja nicht. Es war ja wirklich Kalter Krieg. Man hat hier Atomraketen stationiert, und alles war ein Tanz auf dem Vulkan. Morgen konnte der letzte Tag sein. Also war unser Impuls zu sagen: Wir brauchen euren ganzen Scheiß nicht! Wir machen jetzt jeden Tag Party …

Ist der Punk also aus Frust und Weltuntergangsstimmung geboren? Er kam ja aus England.

Lars Besa:
Ich kann nicht für England sprechen. Aber für uns war der Punk vor allem ein Ventil und eine Möglichkeit, aus diesem provinziellen Scheiß herauszukommen. Denn Punk war immer so eine ländliche Geschichte. Man mußte musikalisch nicht besonders viel können, man mußte nur die sogenannten Attitudes beherrschen. Und dann ging der Punk ab!

Es gibt ja die Legende, daß euer damaliger Gitarrist „Pipi“ Pirpamer nur drei  Griffe an der Gitarre beherrschte und ihr bereits von 3500 Zuschauern in Ungarn gespielt habt …

Lars Besa:
Das ist gut möglich. Ich stehe auf der Bühne, seit ich 13 bin, und an viele Konzerte aus dieser Zeit kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es gab Zeiten, da haben wir im Jahr 150 Konzerte gespielt, als 16- oder 17jährige. Wie bei der Stuttgarter-Untergangs-Sound-Tour 1980 oder 1981. Das waren oft keine großen Hallen, sondern Jugendclubs mit schlechter Akustik, schlechten Anlagen, schlechtem Sound. Und doch scheint es echte Musik gewesen zu sein. Obwohl wir nicht viel konnten. Aber darauf kam es auch nicht an.

Angeblich war es ein Winnender, der den Punk nach Deutschland importierte?

Lars Besa:
Ja, als Germar (Rehlinger) die ersten Ramones-Platten aus England mitbrachte, dachten wir: Das ist doch jetzt geil. Das ist eine Musik, die ohne „Gefrickel“ auskommt. Das ist etwas, was wir auch können. Es war einer vereinfachte Art, Musik zu machen. Es war eine Mischung aus aggressivem Sound und aggressivem Text und Spaß dazu und ein paar Irre auf der Bühne. So hat das zusammengepaßt.

Ihr habt bereits vor über dreißig Jahren über Selbstbestimmung und zivilen Ungehorsam gesungen. Heute erwacht die fremdgesteuerte Gesellschaft wie aus einem kollektiven Geistesschlaf und denkt auch über zivilen Ungehorsam nach. Der Wutbürger hat Hochkonjunktur. Wie siehst du diese Entwicklung?

Lars Besa:
Gegen den „Wutbürger“ verwehre ich mich. Denn der kommt ja meist aus der Ecke, wo angeblich alles Scheiße ist. Der gegen Ausländer ist etc. Ich sehe es eher so, daß es in den 80er Jahren bis etwa zur Zeit der Wende gar nicht in Frage gestellt war, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Der wirtschaftliche Druck auf die Menschen war noch nicht so extrem. Die Gesellschaft war einigermaßen geöffnet. Wir sind nun als Band fast zwei Generationen alt, und vieles kommt heute wieder. Die Großdemonstrationen der 80er gegen atomare Bedrohung waren selbstverständlich. Dann begann der Staat in den 90er Jahren mit diversen Druckmitteln einzugreifen, wie der Hartz4-Scheiße, und durch die soziale Not ging immer mehr Freiheit verloren.
Heute entdecken wir, daß wir in einem reichen Land leben, in dem es alles gibt, aber keine richtige Freiheit. Dafür brauche ich aber keinen „Wutbürger“ von der Pegida - denn dessen Interesse ist es nicht, wirklich frei zu sein, sondern der hat nur ein Interesse: Ausländer raus!
Anders ausgedrückt kommen wir aus einer Zeit, in der man uns gesagt hat, daß wir unsere Meinung frei äußern können, also nicht lügen müssen. Das ist heute so „verloddert“, daß Gestalten wie Donald Trump, die eine Lüge nach der anderen erzählen, Präsident werden können. Aber er ist nicht der Einzige. Und das erkennen die Menschen, daß es Eliten und Medien gibt, die uns eine Welt vorlügen, die es gar nicht gibt.

Den Wenigsten ist heute bewußt, daß in den frühen 80er Jahren ein „Grüner“, ein „Pazifist“ oder ein „Wehrdienstverweigerer“ noch als Staatsfeind galt. Alle mußten mitmarschieren. Heute haben wir gar keine Wehrpflicht mehr. Euer Lied „Fahneneid“ (Anarchie, Anarchie – für die ganze Kompanie) ist also ein historisches Monument.

Lars Besa:
Das Lied ist heute immer noch beliebt, und nach wie vor grölt der ganze Saal mit. Obwohl in den 80er Jahren die Bundeswehr eher nach dem Motto funktionierte: Wenn es tatsächlich Krieg gibt, ist eh alles egal. Denn der Feind war ja Rußland, und in Anbetracht der atomaren Übermacht hätte sich das Kämpfen eh nicht gelohnt. Als es dann später um die Teilnahme am Balkankrieg ging, wurde das Lied wieder aktuell. Und das ist es auch heute noch.

Einige eurer alten Texte waren sehr radikal, bishin zum Aufruf zum „Bullenklatschen“. Stimmt es, daß vor einigen Jahren deshalb der Verfassungsschutz bei dir angeklopft hat?

Lars Besa:
Nein, nicht der Verfassungsschutz, sondern die Kriminalpolizei. Die Geschichte war so: Die sächsische Polizei hat gegen uns ermittelt, weil wir in den 90er Jahren ein Lied gespielt haben, von dem sich ein anwesender Polizist bedroht gefühlt hat. Weil in dem Lied Zeilen vorkamen wie: „Haut die Bullen platt wie Stullen“ etc. Die Anzeige ging durch mehrere Instanzen, wurde aber fallengelassen. Vor drei Jahren kam dann nochmals die Aufforderung, wir sollten alle CDs, auf denen das Lied vorhanden war, abgeben. Weil das Lied jetzt verboten sei! Wir haben Einspruch eingelegt. Wieder hieß es, wir sollten alle CDs vernichten. Der Denkfehler der sächsischen Polizei war, daß man uns in einem rechtsradikalen Umfeld vermutet hatte und glaubte, daß es sich bei NoRMAhL um eine Wald- und Wiesenkapelle handele, die ihre CDs zu Hause lagert. Denen war nicht bewußt, daß die NoRMAhL-CDs bundesweit in den Läden stehen und überall, auch im Internet erhältlich sind.

Und daß tausende Fans eure Lieder auswendig kennen, wußte man in Sachsen wohl auch nicht …

Lars Besa:
Genau. Und so kam es dann zu einer Hausdurchsuchung bei allen Bandmitgliedern und zur Beschlagnahmung der dort gefundenen CDs. Das ging dann durch die Medien wie TAZ, SPIEGEL und so weiter. Auch das Fernsehen war beteiligt. Und der NoRMAhL-Song „Bullenschweine“ ging in den Download-Charts auf Platz 1. (lacht)

Wie stehst du heute zum Widerstand gegen die Staatsgewalt?

Lars Besa:
Heute ist es mir zu blöd, zum Widerstand aufzurufen. Aber ich denke, als Jugendlichem steht einem eine solche Haltung sehr wohl zu. Denn vor allem Jugendliche spüren die Ungerechtigkeit in unserem Land sehr stark. Als Jugendlicher besteht auch eine direktere Konfrontation mit der Polizei, wenn man etwa als 15jähriger mit Lederjacke und Irokesenschnitt durch Stuttgart läuft und in diverse Kontrollen kommt. Das Lied ist ein Zeitdokument. Ich habe mir, als ich es damals geschrieben haben, keinerlei Gedanken gemacht, zu welchen Straftaten ich damit aufrufe. Ich wollte nur ausdrücken, wie es mir damals ging. Ich bin jedoch selbst nie verurteilt worden wegen Gewalt gegen Vollstreckungsbeamte.
Wobei ich viele Jugendliche verstehen kann, daß sie ein Problem mit der Polizei haben. Denn immer, wenn der Staat mit Argumenten nicht mehr weiterweiß, greifen Polizei und Justiz zu Maßnahmen, die angeblich gerechtfertigt sind. Und wer sich nicht fügt, leistet dann „Widerstand“. Und das „macht man nicht“ in Deutschland …

Deine Aktion KEIN HASS IM WILDEN SÜDEN, an der 1992 auch Bands wie PUR teilnahmen, war sicher ein Highlight deiner Musikerkarriere. Sie entstand ja als Folge der ausländerfeindlichen Aktionen in Hoyerswerde 1991, als hunderte von „Wutbürgern“ ein Flüchtlingsheim angriffen. Dasselbe erleben wir ja heute wieder.

Lars Besa:
KEIN HASS IM WILDEN SÜDEN entstand unter anderem, um regionale Jugendeinrichtungen zu unterstützen. Ich schrieb damals einen Song, etwas angelehnt an die WE ARE THE WORLD-Aktion von Bob Geldof. Der Ertrag kam dann Jugendeinrichtungen zugute. Das sollte helfen, junge Menschen positiv zu beeinflussen. Wobei man sagen muß, daß wir hier im Raum Stuttgart diese rassistischen Probleme gar nicht hatten. Das war mehr der Osten der Republik, also die Ex-DDR. 

Du bist heute neben der Punkmusik noch bodenständiger Unternehmer mit einem renommierten Handwerksbetrieb. Wie gehen Wut auf die Gesellschaft und Teilnahme an der Gesellschaft zusammen?

Lars Besa:
Das Punkerleben war ja nicht nur Chaos. Und der Sprung von einem selbständigen Musiker zu einem selbständigen Unternehmer ist gar nicht so groß. Wer schon früh seine Konzerne selbst geplant und auch seine Verhandlungen mit Plattenfirmen selbst geführt hat, ist Selbständigkeit und Selbstbestimmung gewöhnt. Auch als Punk-Musiker muß man Vereinbarungen und Termine einhalten, auch wenn man oft zwei Tage zuvor nicht wußte, wie man heißt. Trotz allem muß man eine gewisse Disziplin an den Tag leben. Und wenn man vor ein paar Tausend Zuschauern spielt, muß man ebenso die Erwartungen erfüllen, als wenn man als Handwerker für einen Kunden tätig ist. Darum war der Schritt nicht ganz so schwer.

Und man glaubt gar nicht, wieviele ehemalige Punker heute in Positionen sind, wo man es nicht vermuten würde. Ein Bekannter stellte uns einmal in Hannover „den größten NoRMAhL-Fan aller Zeiten“ vor. Wir betraten den Volksbank-Tower, und wie sich herausstellte, war es der Chef der Volksbank von Hannover. Der spielte uns dann alte NoRMAhL-Platten vor mit „Bootlegs“, die ich selbst nicht kannte. Auch in kreativem Berufen wie Werbeagenturen sitzen viele alte Punker. Und mir gefällt es heute als Punk-Musiker, strukturierter auf der Bühne zu stehen, weil auch die Band strukturierter ist. 

Ihr habt euch ja in euren frühen Texten viel mit dem Thema Deutschland auseinandergesetzt. Wie in dem Song: „Deutsche Waffen und deutsches Geld, schaffen Ordnung in der Welt … “ Wie siehst du die globale Rolle Deutschlands?

Lars Besa:
Ich sage mir: für alles, was ich nehme, muß ich auch bezahlen. Wir begründen die Notwendigkeit unserer Einnahmen wie etwa durch den Waffenhandel damit, daß wir einen Teil der Einnahmen wieder ärmeren Ländern zur Verfügung stellen, oder für die Flüchtlinge ausgeben. Dabei lösen diese deutschen Waffen letztlich die Flüchtlingskrise mit aus. Daher kann ich auch die große Wut auf Angela Merkel nicht verstehen, die eine gewisse Form von Empathie zeigt, was man von einem Deutschen ja auch verlangen kann. Auch der große Haß, der jetzt geschürt wird, ist mir unverständlich. Denn sowohl an der Flüchtlingswelle nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch an der jetzigen Flüchtlingswelle ist Deutschland als Land mitverantwortlich.     

Engagierst du dich neben der Musik auch politisch?

Lars Besa:
Immer, jeden Tag! Es gibt für mich nichts Unpolitisches auf der Welt! Und gerade in der Punk-Bewegung reicht das Spektrum von ganz links bis ganz rechts. So gibt es rechte Skinhead-Bands und rechte Grauzonen-Bands, die ebenfalls Punk spielen. Und wenn ich manchen Menschen sage, was für Arschlöcher sie sind, ist das für mich auch Politik. Und für mich ist Politik auch, in eine Kneipe zu gehen und dagegenzuhalten. Das fehlt in Deutschland immer mehr. Die Stammtischhoheit ist längst abgegeben. Und was mich auch ankotzt, ist die Feigheit bei anonymen, aber radikalen Beiträgen auf Facebook und so weiter. Wir haben unsere Meinung immer öffentlich nach außen und sogar auf eine Bühne gestellt. Heute versteckt man sich feige hinter einem Bildschirm. Und man legt eine Radikalität an den Tag, die selbst wir uns nicht getraut hätten.

Und das hinter irgendeinem Pseudonym …

Lars Besa:
… genau. Und das ist es, was ich meine: Politik findet in jeder Minute statt.

Nochmal zurück zur Musik. Ihr tretet ja noch immer regelmäßig als Band auf. Überwiegt inzwischen der Spaß, oder geht es beim Punk immer um die Botschaft?

Lars Besa:
Wenn ich auf der Bühne stehe, legt sich ein Schalter um, und dann wird aus Spaß „Message“. Ich komme heute zwar nicht mehr mit der Nietenlederjacke angefahren, aber durch die Aggressivität der Musik kommt eine bestimmte Stimmung auf. Dabei geht es nicht nur um die Texte, sondern um den Moment. Es kommt eine Power von der Bühne, und man kann sich zwei Stunden lang gehenlassen. Nach dem Konzert sind dann alle wieder friedlich.


Das Gespräch führte Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.normahl.de

 

 

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