NEUE MINIGÄRTNER BRAUCHT DAS LAND – Interview mit Bettina Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau

7. Juni 2017

Seit 2007 ist Bettina Gräfin Bernadotte Geschäftsführerin der Mainau GmbH. Wer die Blumeninsel kennt, die jährlich über 1,2 Millionen Menschen an den Bodensee lockt, der kann nachempfinden, welches Erbe sie hier verwaltet. Denn ihr Vater Lennart Graf Bernadotte war einer der Vorreiter im Bereich des naturnahen, ökologischen Denkens. Bereits 1961 initiierte er die „Grüne Charta von der Mainau“ für Natur- und Umweltschutz. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Sonja propagierte er früh das „Gärtnern um des Menschen und um der Natur willen“ und formte sukzessive das heutige Blumenparadies Mainau. Bettina Gräfin Bernadotte führt das Familienunternehmen fort. Ganz „nebenbei“ ist sie noch Präsidentin des Kuratoriums der jährlichen Nobelpreisträgertagungen in Lindau, Schirmherrin der „Europa Miniköche“ und seit 2013 auch Gründerin der Initiative „Europa Minigärtner“. 

 

Vorab ein paar Zeilen über die Mainau. Die Bodenseeinsel ist ca. 45 Hektar groß, war bereits in der Jungsteinzeit bewohnt und gilt heute als Juwel unter den Naturgärten. Bedingt durch das besondere Bodenseeklima wachsen auf dem tropfenförmigen Eiland Palmen und andere mediterrane Pflanzen. Wegen ihrer überaus reichen Vegetation wird die Mainau auch als „Blumeninsel im Bodensee“ bezeichnet. Vor allem der beeindruckende Baumbestand läßt viele Besucher andächtig „gen Himmel“ blicken.
Daß der Mainau eine große Vision zugrunde liegt, enthüllt sich dem Besucher bei einem Rundgang über die Insel. Denn gerade Bäume nehmen sich sehr viel Zeit, ehe sie sich zu ihrer ganzen Pracht und Schönheit entfalten. So begann der dem Schwedischen Königshaus entstammende Lennart Graf Bernadotte bereits im Jahre 1932, diese Vision in die Tat umzusetzen. Schritt für Schritt wurde die Mainau zu dem, was der Besucher heute vorfindet: ein kleines Paradies, in welchem Mensch und Natur sich die Hände reichen.
Neben dem großen Touristenstrom, der sich alljährlich über die Insel ergießt, finden auch immer mehr ökologisch Interessierte auf die Mainau. Regelmäßige Veranstaltungen regen zu einem neuen ökologischen Bewußtsein an. Und wo könnte man da besser ansetzen als bei den Kindern? Denn je früher wir etwas Sinnvolles und Natürliches in unser Leben integrieren, desto besser.


Liebe Gräfin Bettina, wenn ich mich auf der Mainau umschaue, gehe ich davon aus, daß bei Ihnen kein Mangel an Nachwuchsgärtnern herrscht. Liege ich da richtig?


Gräfin Bettina Bernadotte:
Es ist tatsächlich so, daß wir keine Probleme haben, Nachwuchs zu finden. Weil natürlich die Mainau als Tätigkeitsfeld für einen Gärtner etwas sehr Besonderes ist. Wir haben viele verschiedene Tätigkeitsbilder im Bereich Garten- und Landschaftsbau und auch für Zierpflanzengärtner. So macht das Gärtnern sehr viel Freude, weil man eine große Vielfalt hat. Wir haben insgesamt 35 Ausbildungsplätze, wobei wir nicht nur Gärtner, sondern auch Gastronomen und Hotelfachkräfte ausbilden. 11 Ausbildungsplätze davon sind im „grünen Bereich“.
Da ich aber nicht nur an mich und unsere Situation denke, verbinde ich mit dem Gärtnerberuf sehr viel mehr. Ich bin überzeugt, daß der direkte und ständige Kontakt zur Natur für den Menschen Gesundheit bedeutet. Und deshalb ist es unser Bestreben, uns mit allen, die sich für das Gärtnern und die Gartenkultur interessieren, zu vernetzen. Dabei erfahren wir natürlich, daß es Vorbehalte gibt gegen den Beruf des Gärtners, und vielleicht auch Schwierigkeiten, die man lösen muß. Dennoch hat die Initiative Europa Minigärtner nicht zum Ziel, daß alle Minigärtner irgendwann Auszubildende im Gartenbau werden sollen. Wie bei dem Europa Miniköche-Projekt erlebe ich, was sich hier für eine Tür öffnet, wenn Kinder mit Erwachsenen zusammenkommen, die ihren Beruf mit Begeisterung ausüben. Die eine Berufung darin sehen. Wenn sie denen über die Schulter blicken und mitarbeiten können.
Da wird so viel Begeisterung vermittelt, weil das Menschen sind, die Freude haben an ihrem Beruf! Das ist für die Kinder ein ganz, ganz wertvolles Erlebnis. Sie bekommen dadurch einen emotionalen Zugang zu den Themen Pflanze und Garten - und werden vielleicht einfach Hobbygärtner, was ja auch gut ist. (lacht)   

Früher haben Kinder ja meist bei ihren Eltern das Handwerk erlernt und hatten einen praktischen Zugang zu Berufen. Heute arbeitet der Vater nicht mehr zu Hause, sondern sitzt in irgendeinem Büro am Bildschirm, und den Kindern fehlt so die gelebte Erfahrung.  

Gräfin Bettina:
So ist es. Und das ist auch das Schöne und Wichtige bei den Minigärtnern. Daher wollten wir auch nicht, daß sich dieses praktische Erleben auf ein oder zwei Nachmittage beschränkt, sondern daß die Kinder zwei Jahre lang (bei schulischen Minigärtner-Gruppen teilweise ein Jahr lang) regelmäßige Erfahrungen sammeln. So erleben sie auch den Jahreszyklus und bekommen einen ganzheitlichen Überblick. Sie säen, beobachten, wie etwas wächst und können es vielleicht sogar ernten.

Während der Beruf des Gärtners hierzulande gar keine so große Lobby hat, gilt er in Asien als 100%ige Garantie, das ganze Leben lang glücklich sein zu können …

Gräfin Bettina:
… das würde ich sofort unterschreiben. Ich erlebe unsere Gärtner als Menschen, die sehr in Harmonie mit ihrer Umgebung leben. Wir können zwar manches beeinflussen und vorantreiben, doch letztlich gibt die Natur den Rhythmus vor. Und wenn man hier mitgehen und den Rhythmus mitleben kann, dann sind das ideale Voraussetzungen, um glücklich zu sein. Natürlich ist es nicht erfreulich, wenn man etwas einpflanzt, und ein plötzlicher Hagel macht eine Woche Arbeit zunichte. Und doch muß man lernen, damit zu leben.
Kürzlich sagte jemand zu mir: „Gärtnern ist die langsamste Form der Kunst“. Ich finde, das trifft den Kern der Sache. Man sät, man gestaltet Dinge, und doch ist es die Natur, die den Rhythmus vorgibt und dieses Kunstwerk vollendet. 

Ein guter Bekannter, der eine große Gärtnerei in Heilbronn besitzt und die Europa Minigärtner unterstützt, erzählte mir kürzlich über seine Schulzeit. Als er im letzten Schuljahr gefragt wurde, was er einmal werden wolle und „Gärtner“ sagte, fragte die Lehrerin: „Was, Gärtner? Möchtest du nicht etwas Richtiges lernen?“ Bauern galten lange als einfältig, und auch der Gärtnerberuf hatte keine Lobby. Warum sind es gerade die naturnahen Berufe, die so wenig Anerkennung erfahren?

Gräfin Bettina:
Eine gute Frage! Wobei ich hier wahrscheinlich die falsche Ansprechpartnerin bin. Denn ich empfinde den Beruf des Gärtners als etwas sehr Erfüllendes, als etwas sehr Wertvolles. Aber das hängt wohl damit zusammen, daß ich in diesem Wertesystem aufgewachsen bin. Natur ist für mich etwas ganz Wichtiges. Und das zu pflegen, ist eine sehr edle Aufgabe. Wenn ich draußen auf der Mainau unterwegs bin, meine ich zu spüren, daß hier 250 Jahre lang Menschen Natur gepflegt haben und Natur lieben. Und das fließt auf uns zurück. Daher empfinde ich den Beruf des Gärtners als etwas sehr Schönes.
Wobei ich selbst keine Gärtnerin bin, sondern Betriebswirtschaft studiert habe. Meine Aufgabe ist, das Ganze im Überblick zu haben.

Sie geben in Ihrer Vita „Naturerlebnis“ als Lieblingshobby an. Was gibt Ihnen die Natur?

Gräfin Bettina:
Die Natur ist ein so großer Künstler und ein so großer Könner, daß es mich fasziniert, dies zu beobachten. Das beginnt bei ganz kleinen Dingen, wenn ich in einem Frühlingswald die ganzen kleinen Frühjahrblumen sehe, oder das Moos auf den Steinen … Und dann kommt da ein Lichtstrahl durch die Baumwipfel. Ich könnte einfach stehenbleiben und diesen Anblick genießen.

Waren Sie als Kind selbst eine Minigärtnerin?

Gräfin Bettina:
(lacht) Nein! Das Europa Minigärtner gab es da ja noch nicht. Aber natürlich war ich hier auf der Mainau ständig mit den Gärtnern oder den Tierpflegern in Kontakt. Darum ist es mir auch ein Bedürfnis, in allen Bereichen dazu beizutragen, Kindern diese Möglichkeit zu eröffnen, sei es durch einen Nachhaltigkeitstag auf der Insel oder einen Parcours, in welchem gärtnerische Aufgaben absolviert werden. Oder eben, indem wir die Minigärtner hier auf der Insel mitarbeiten lassen. 

Das Minigärtner-Projekt sieht ja vor, daß Kinder nicht nur „schnuppern“, sondern zwei Jahre lang am Ball bleiben. In dieser Zeit finden 20 Monatstreffen bei regionalen Garten-Profis statt, wo die Kinder richtig mit Hand anlegen. Warum sollten die Kinder zwischen 9 und 11 Jahre alt sein?

Gräfin Bettina:
  Zuerst einmal muß man sagen, daß alle Beteiligten ehrenamtlich arbeiten. Die Gartenbaubetriebe ebenso wie die Helfer. Daher soll gewährleistet sein, daß die Kinder eine gewisse Grundmotivation mitbringen. Und natürlich auch die Fähigkeit, bei der Sache zu bleiben. Bei zu kleinen Kindern wäre das eher schwierig. Denn die Kinder arbeiten ja mit, um zu erfahren, daß das, was sie tun, zu etwas Nütze ist. Sie legen zum Beispiel ein Kräuterbeet oder einen Kompost an, pflastern einen Weg, säen etwas aus. Dabei geht es nicht um Theorie, sondern um erlebte Praxis. 
Es ist sehr schön zu erleben, was sich bei den Kindern verändert, wenn sie den Kreislauf verstehen: Wenn ich Kompetenz habe und Verantwortung übernehme für eine Pflanze oder einen Prozeß, dann entsteht daraus auch eine Wertschöpfung. Die kann ich dann wieder einsetzen. Das ist eine ganz wichtige Erfahrung, daß alles miteinander zusammenhängt. Das Projekt Minigärtner transportiert sehr viele Dinge: wie zum Beispiel das Arbeiten im Team. Oder das soziale Voneinanderlernen. Da werden Hierarchien, die es in Schulklassen gibt, schnell einmal umgekehrt. Denn die Kinder mit gärtnerischem Interesse sind oft die Stilleren. Wenn dann Fähigkeiten und Begabungen zum Vorschein kommen, schauen die anderen nur staunend zu. Das ist sehr lehrreich.
Das ganze Projekt lebt ja von der Begeisterung. Und wenn man dann sieht, wie die Kinder ihr Herz für die Natur entdecken, Kompetenz entwickeln und Verantwortungsbewußtsein, dann ist das eine große Freude. Für alle Beteiligten!

Liebe Gräfin Bettina, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.


Das Interview führten Michael & Egle Hoppe
 
 

Die Initiative Europa Minigärtner

 „Spaß beim Arbeiten mit und in der Natur!“ – so lautet das Motto der Initiative Europa Minigärtner, welche von Bettina Gräfin Bernadotte ins Leben gerufen wurde. Gärtner und Gartenbaubetriebe laden Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren zur Teilnahme in einer Regionalgruppe ein.
Dabei geht es um Fragen wie: „Was muß ich machen, um meine eigenen leckeren Erdbeeren essen zu können? Was heißt mulchen, und wie gieße ich richtig? Welche Tiere leben im Garten? Welche Pflanzenarten gibt es? Wie baue ich sie an, und wofür kann ich sie verwenden? Wie gestalte ich meinen ganz eigenen Garten?“ 
All das lernen die Kinder mit viel Spaß bei den Europa Minigärtnern. Bis zu 20 Kinder treffen sich einmal im Monat in verschiedenen regionalen Gruppen. Die ersten Gruppen sind bereits gestartet. Weitere sind willkommen - und so soll die Aktion auf ganz Deutschland und nach Möglichkeit auf Europa ausgeweitet werden.

Regionale Minigärtner-Gruppen

Auch in der NATURSCHECK-Region sind mehrere Regionalgruppen aktiv bzw. im Aufbau. Während in Heilbronn schon seit mehreren Jahren gegärtnert wird und zwei Gruppen ihr Minigärtner-Programm bereits abgeschlossen haben, werden u. a. in den Kreisen Rems-Murr und Ludwigsburg noch interessierte Mitstreiter gesucht. Auch im Raum SHA/Hohenlohe bestehen noch keine Regionalgruppen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Gärtnermeister Klaus Umbach aus Heilbronn hat das Projekt quasi von Anfang an aktiv begleitet und unterstützt es weiter mit großem Engagement. Weitere beteiligte Betriebe in und um Heilbronn sind:
Bioland Gärtnerei Landes in Oedheim, Biegert Garten- und Landschaftsbau in Leingarten, Gartenbaumschule Schimmel in Neckarsulm, Blumen Zürn in Möckmühl, Im BlütenGarten in Lauffen am Neckar, Gärtnerei Widmann in HN-Böckingen, WINO Biolandbau in Brackenheim und Weinsberger Rosenkulturen in Weinsberg.
Die Gärtnermeisterinnen Lena Zürn und Simone Mauk leiten die aktuell im Aufbau befindliche Heilbronner Regionalgruppe.

Die Insel Mainau ist Sitz der Europa Minigärtner Geschäftsstelle. Hier ist Kati Partzsch Ansprechpartnerin in allen Minigärtner-Fragen. Sie betreut die Initiative mit sehr viel Herz und hat extra für das NATURSCHECK-Interview im April auf ein Treffen mit den Minigärtnern Stuttgart verzichtet, die am selben Tag mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Garten des Clay-Hauses am Werk waren und dort einen Insektengarten anlegten. Sie erzählte uns auch von der Idee, daß die Minigärtner im Vorfeld der Bundesgartenschau-Eröffnung 2019 in Heilbronn und dann vor allem auch während der BUGA gemeinsam mit Profigärtnern auf dem BUGA-Gelände aktiv werden. „Hier möchten wir die Heilbronner Minigärtner-Gruppe und gerne auch andere Minigärtner-Regionalgruppen einbeziehen.“

Natürlich ist die Initiative Europa Minigärtner dankbar für jede Form aktiver Unterstützung. Und was könnte es Schöneres und Nachhaltiges geben, als sich in diesem Bereich zu engagieren oder die eigenen Kinder für einen „Beruf“ zu inspirieren, der (zumindest theoretisch) eine 100%ige Glücksgarantie enthält und bei vielen tatsächlich zur Berufung wird?!


Weitere Informationen:
www.minigaertner.de


Kontakt:
Kati Partzsch
Geschäftsstelle Europa Minigärtner gUG
Europa Minigärtner gUG, D-78465 Insel Mainau
Tel.: 07531-303-286
Mobil: 0152-56895776
E-Mail: info@minigaertner.de

 
 

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